Im Jahr 1930 träumte Keynes den Traum einer zukünf­ti­gen 15-Stun­den-Woche. Doch im „neo­li­be­ra­len Zeit­al­ter“ hat sich diese Vision nicht erfüllt: In vie­len Län­dern sind die Arbeits­stun­den wie­der ange­stie­gen. Eine neue Stu­die unter­sucht, was Ungleich­heit mit die­ser Ent­wick­lung zu tun hat.

W

arum sind die Arbeits­zei­ten in den rei­chen Indus­trie­län­dern seit Anfang der 1980er Jahre nicht stär­ker zurück­ge­gan­gen oder zeit­weise sogar ange­stie­gen? Und warum vari­iert die durch­schnitt­li­che Arbeits­zeit zwi­schen rei­chen Volks­wirt­schaf­ten so stark? Um diese Fra­gen geht es in unse­rem aktu­el­len ifso working paper „Varie­ties of the rat race. Working hours in the age of abundance“.

Inter­es­sant sind diese Fra­gen beson­ders des­halb, weil es Anzei­chen dafür gibt, dass die rei­chen Gesell­schaf­ten auf Grund des erreich­ten Pro­duk­ti­vi­täts­ni­veaus längst in einem „Zeit­al­ter der Frei­zeit und des Über­flus­ses“ leben könn­ten. Der wohl berühm­teste Öko­nom des 20. Jahr­hun­derts, der Brite John May­nard Keynes, pro­gnos­ti­zierte in sei­nem 1930 erschie­ne­nen Auf­satz über „Die öko­no­mi­schen Mög­lich­kei­ten unse­rer Enkel­kin­der“, dass die Bedin­gun­gen für deut­lich ver­kürzte Arbeits­zei­ten (3‑Stun­den-Tage bzw. 15-Stun­den-Woche) im Jahr 2030 vor­lie­gen dürf­ten. Wäh­rend Keynes‘ Pro­gno­sen hin­sicht­lich des Pro­duk­ti­vi­täts­wachs­tums in den letz­ten knapp 100 Jah­ren sogar noch über­trof­fen wur­den, sind die Hin­der­nisse für mehr Frei­zeit in ers­ter Linie gesell­schaft­lich-poli­ti­scher Natur.

In sei­nem Essay „Die öko­no­mi­schen Mög­lich­kei­ten unse­rer Enkel­kin­der“ ent­warf Keynes 1930 die Vision einer 15-Stun­den-Woche. r2hox from Madrid, Spain, CC BY-SA 2.0, via Wiki­me­dia Commons.

Auf Grund­lage einer empi­ri­schen Ana­lyse für 17 euro­päi­sche Län­der und die USA für den Zeit­raum 1983–2019 kom­men wir zu dem Ergeb­nis, dass eine gerin­gere Ein­kom­mensun­gleich­heit, koor­di­nierte Lohn­ver­hand­lun­gen und eine stark aus­ge­baute öffent­li­che Daseins­vor­sorge zu kur­zen Arbeits­zei­ten bei­tra­gen kön­nen. Die­ses Ergeb­nis ist gesell­schaft­lich rele­vant, weil kür­zere Arbeits­zei­ten einen wich­ti­gen Bei­trag zur Über­win­dung aktu­el­ler Her­aus­for­de­run­gen – Kli­ma­schutz, Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit, gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt – leis­ten könnten.

Die Sättigung der Mittelschichtsbedürfnisse im „Goldenen Zeitalter des Kapitalismus“ (ca. 1950–1980)

Wie viel Geld benö­tigt eine Fami­lie min­des­tens, um im Leben gut zurecht­zu­kom­men? In den USA wird diese Frage regel­mä­ßig in einer groß ange­leg­ten Umfrage gestellt. Wie sich die Ant­wor­ten der Befrag­ten im Laufe der Zeit ver­än­dert haben, sagt viel über die Ent­wick­lung der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft aus – und ver­mut­lich auch über die Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus in den rei­chen Län­dern insgesamt.

1950 waren die befrag­ten Fami­lien im Durch­schnitt der Ansicht, dass sie etwa 68 % des tat­säch­li­chen dama­li­gen Medi­an­ein­kom­mens für ein zufrie­den­stel­len­des Leben benö­ti­gen (Abbil­dung 1a). 1980, nach­dem die Ein­kom­men drei Jahr­zehnte lang über alle Bevöl­ke­rungs­schich­ten hin­weg kräf­tig gestie­gen waren, reichte für die befrag­ten Fami­lien schon 53 % des Medi­an­ein­kom­mens für ein befrie­di­gen­des Leben aus. In den 1950er und 1960er Jah­ren haben zwar die Ansprü­che an einen zufrie­den­stel­len­den Lebens­stan­dard zuge­nom­men, aber nicht so stark wie die tat­säch­li­chen Ein­kom­men der Mit­tel­schicht (Abbil­dung 1b). Und inter­es­san­ter­weise ist das Wachs­tum die­ser Ansprü­che wäh­rend der 1970er Jahre sogar voll­stän­dig zum Erlie­gen gekom­men: Offen­bar war eine gewisse Sät­ti­gung der mate­ri­el­len Grund­be­dürf­nisse erreicht.

Abb. 1: Tat­säch­li­ches Ein­kom­men und sub­jek­ti­ves Mini­mal­ein­kom­men: a) Sub­jek­ti­ves Mini­mal­ein­kom­men in % des tat­säch­li­chen Ein­kom­mens. b) Jähr­li­ches preis­be­rei­nig­tes Wachs­tum des sub­jek­ti­ven Mini­mal­ein­kom­mens und des tat­säch­li­chen Ein­kom­mens. Quelle: Siehe Beh­rin­ger et al. (2022).

Die drei Nach­kriegs­jahr­zehnte, die oft als das „gol­dene Zeit­al­ter des Kapi­ta­lis­mus“ beschrie­ben wer­den, waren auch durch eine bemer­kens­werte Ver­rin­ge­rung der durch­schnitt­li­chen Jah­res­ar­beits­zeit gekenn­zeich­net. Dies war nicht nur in den USA der Fall, wo die pro Jahr gear­bei­te­ten Stun­den der Beschäf­tig­ten um rund 200 Stun­den zurück­gin­gen, son­dern in prak­tisch allen Indus­trie­län­dern (Abbil­dung 2). Aus Sicht der neo­klas­si­schen Öko­no­mik ver­hielt sich die Frei­zeit wie ein „nor­ma­les Gut“: Mit stei­gen­dem Wohl­stand leis­tet man sich mehr davon.

Abb. 2: Lang­fris­tige Ent­wick­lung von Ein­kom­mensun­gleich­heit und Arbeits­zeit:  a) Arbeits­stun­den pro erwerbs­tä­ti­ger Per­son b) Arbeits­stun­den pro Per­son c) Top 1 % Haus­halts­ein­kom­mens­an­teil. Quelle: Siehe Beh­rin­ger et al. (2022)

Fast scheint es, dass „das öko­no­mi­sche Pro­blem“, wie Keynes es in sei­nem Essay von 1930 for­mu­lierte, mehr oder weni­ger gelöst war: Mit stei­gen­dem Ein­kom­mens­ni­veau wür­den sich die mate­ri­el­len Bedürf­nisse der Men­schen erfül­len und sie wür­den es vor­zie­hen, ihre Zeit nun ver­mehrt nicht­wirt­schaft­li­chen Zwe­cken zu wid­men, anstatt wei­ter­hin lange zu arbeiten.

Die Wiederentdeckung des materiellen Mangels im „neoliberalen Zeitalter“ (ab ca. 1980)

Doch es kam völ­lig anders. Seit den 1980er Jah­ren hat die mate­ri­elle Sät­ti­gung einem neuen und wach­sen­den Gefühl des finan­zi­el­len Man­gels in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung Platz gemacht. Die Höhe des Ein­kom­mens, das Fami­lien als mini­mal not­wen­dig erach­ten, um über die Run­den zu kom­men, ist in die­sem Zeit­raum wie­der gestie­gen, und zwar mit zuneh­men­den Wachs­tums­ra­ten. Als die glo­bale Finanz­krise 2007 aus­brach, betrug das sub­jek­tive Mini­mal­ein­kom­men wie­der 68 % des tat­säch­li­chen Medi­an­ein­kom­mens, genau wie 1950 (Abbil­dung 1a).

Die durch­schnitt­lich von den Beschäf­tig­ten geleis­te­ten Arbeits­stun­den gin­gen in den USA nach 1980 nicht mehr zurück, son­dern sie stie­gen bis Anfang der 2000er Jahre wie­der an, bevor sie auf hohem Niveau ver­harr­ten. Die Jah­res­ar­beits­zeit pro Per­son im erwerbs­fä­hi­gen Alter stieg sogar von 1980 bis 2000 kon­ti­nu­ier­lich um etwa 150 Stun­den, ein Trend, der nur durch zwei tiefe Rezes­sio­nen unter­bro­chen wurde. Die Arbeits­zei­ten in ande­ren Indus­trie­län­dern zei­gen im Gro­ßen und Gan­zen ähn­li­che Trends im Zeit­ver­lauf, aller­dings mit eini­gen Unter­schie­den in Aus­maß und Zeit­punkt die­ser Ent­wick­lun­gen (Abbil­dung 2a und 2b).

Ungleichheit, dezentrale Lohnverhandlungen und geringe öffentliche Daseinsvorsorge als Gründe für lange Arbeitszeiten

Ein Ergeb­nis unse­rer makro­öko­no­mi­schen Panel­ana­lyse ist, dass der Ein­kom­mens­an­teil der Spit­zen­ver­die­ner posi­tiv mit der durch­schnitt­li­chen Arbeits­zeit zusam­men­hängt. Die Ein­kom­mensun­gleich­heit ist seit den 1980er Jah­ren gestie­gen, zuerst und stär­ker in den USA, zeit­lich ver­zö­gert und weni­ger stark in Europa (Abbil­dung 2c). Zwei Phä­no­mene sind dabei auf­fäl­lig. Zum einen sind die durch­schnitt­li­chen Arbeits­zei­ten mit dem Anstieg der Ungleich­heit im Zeit­ver­lauf lang­sa­mer gesun­ken als in frü­he­ren Jahr­zehn­ten bzw. sogar wie­der gestie­gen. Zum ande­ren fällt auf, dass Beschäf­tigte mit höhe­ren Stun­den­löh­nen in Län­dern mit hoher Ungleich­heit am obe­ren Ende der Ein­kom­mens­ver­tei­lung heute ten­den­zi­ell län­ger arbei­ten als Beschäf­tigte mit nied­ri­ge­ren Stun­den­löh­nen (Abbil­dung 3). Beide Ent­wick­lun­gen sind his­to­risch unge­wöhn­lich. Denn sie wider­spre­chen der Beob­ach­tung von Öko­nom­in­nen und Öko­no­men, dass Gesell­schaf­ten oder Indi­vi­duen mit hohen Ein­kom­men sich typi­scher­weise mehr Frei­zeit leis­ten bzw. leisteten.

Abb. 3: Arbeits­zeit ent­lang der Lohn­ver­tei­lung. Quelle: Siehe Beh­rin­ger et al. (2022)

Unsere Erklä­rung für diese his­to­ri­sche Ano­ma­lie sind das, was wir in der sozio­öko­no­mi­schen For­schung auf­wärts­ge­rich­tete Sta­tus­ver­glei­che nen­nen, die sich im „neo­li­be­ra­len Zeit­al­ter“ im Kon­text stei­gen­der Ein­kom­mensun­gleich­heit abge­spielt haben. Was ist damit gemeint? Ins­be­son­dere die obere Mit­tel­schicht eifert den Kon­sum­nor­men der Rei­chen nach und opfert dafür Frei­zeit. Weil die Rei­chen mit stei­gen­den Ein­kom­men auch ihre Aus­ga­ben für Sta­tus­gü­ter wie Woh­nen, Bil­dung, Mobi­li­tät erhö­hen, fühlt sich die Mit­tel­schicht unter Druck gesetzt, mit­zu­hal­ten. Denn was eine „gute Wohn­ge­gend“ oder „gute Bil­dung“ ist, defi­niert sich im Wesent­li­chen im Ver­gleich zu den Stan­dards, die die obe­ren Ein­kom­mens­grup­pen maß­geb­lich bestim­men. Wenn für die unte­ren Ein­kom­mens­grup­pen hin­ge­gen der Abstand zum Lebens­stan­dard der Rei­chen zu groß wird und sie immer wei­ter abge­hängt wer­den, bleibt für diese Grup­pen oft nur Resi­gna­tion, also die Auf­gabe des „Rat­ten­ren­nens“ (rat race).

Die Autoren

Jan Beh­rin­ger ist Refe­rats­lei­ter für Makro­öko­no­mie der Ein­kom­mens­ver­tei­lung am IMK und lehrt im Mas­ter Sozio­öko­no­mie am ifso. Seine Schwer­punkte sind: Öko­no­mie der Ein­kom­mens­ver­tei­lung, empi­ri­sche Makro­öko­no­mik und Wirt­schafts­po­li­tik.

Mar­tin Gon­za­lez Granda ist Pro­mo­ti­ons­stu­dent am ifso. Seine Schwer­punkte sind: Arbeits­zeit­po­li­tik und Ver­tei­lung von Erwerbsarbeitszeit.

Till van Tre­eck ist Pro­fes­sor am ifso und Theo­dor-Heuss-Gast­pro­fes­sor an der New School. Seine Schwer­punkte sind: Ein­kom­mens­ver­tei­lung aus gesamt­wirt­schaft­li­cher Per­spek­tive, ver­glei­chende poli­ti­sche Öko­no­mie, sozio­öko­no­mi­sche Bildung.

Ein wei­te­res Ergeb­nis unse­rer empi­ri­schen Ana­lyse ist, dass zen­tra­li­sierte Lohn­ver­hand­lun­gen und staat­li­che Sozi­al­trans­fers in Form von Sach­leis­tun­gen (aber nicht in Form von Geld­leis­tun­gen) in einem nega­ti­ven Zusam­men­hang mit der Arbeits­zeit ste­hen. Eine mög­li­che Erklä­rung ist, dass zen­tra­li­sierte Lohn­ver­hand­lun­gen Sta­tus­kon­flikte abmil­dern, weil die Beschäf­tig­ten sich gemein­sam gegen ein „posi­tio­na­les Wett­rüs­ten zu Las­ten der Frei­zeit ent­schei­den kön­nen. Dass die öffent­li­che Daseins­vor­sorge (soziale Sach­leis­tun­gen) anders als mone­täre Sozi­al­trans­fers mit gerin­ge­ren Arbeits­zei­ten ein­her­ge­hen, könnte daran lie­gen, dass die direkte Bereit­stel­lung von Gütern und Dienst­leis­tun­gen die Not­wen­dig­keit von sta­tus­ori­en­tier­ten pri­va­ten Aus­ga­ben für Güter und Dienst­leis­tun­gen reduziert.

Schließ­lich unter­su­chen wir auch die Bedeu­tung von Bil­dung als posi­tio­na­lem Gut. Das Aus­maß, in dem der Bil­dungs­sek­tor über pri­vate Märkte orga­ni­siert ist, steht nach unse­ren Ergeb­nis­sen im Zusam­men­hang mit län­ge­ren Arbeits­zei­ten bei Beschäf­tig­ten, die selbst ein hohes Bil­dungs­ni­veau aufweisen.

Ungleichheit macht auch die Freizeit stressiger: Beispiel Kindererziehung

Unsere Ergeb­nisse kön­nen auch im Zusam­men­hang mit der fami­li­en­öko­no­mi­schen For­schung von Mat­thias Doepke und Fabri­zio Zili­botti gese­hen wer­den. Die Autoren zei­gen, dass der Auf­wand, den Eltern bei der Kin­der­er­zie­hung betrei­ben, posi­tiv mit der  Ein­kom­mensun­gleich­heit zusam­men­hängt: In sehr unglei­chen Gesell­schaf­ten ist der Sta­tus­ver­lust, der mit einem rela­tiv gerin­gen Bil­dungs­er­folg ein­her­geht, beson­ders groß. Das scheint zu einem gro­ßen Teil zu erklä­ren, warum gerade gebil­dete und ein­kom­mens­starke Eltern bei einer höhe­ren Ein­kom­mensun­gleich­heit mehr Zeit und Geld für die Bil­dung der Kin­der aufbringen.

Doepke und Zili­botti ver­wei­sen dar­auf, dass Eltern in den 1970er und 1980er Jah­ren die Kin­der­er­zie­hung deut­lich ent­spann­ter ange­gan­gen sind. Gerade für die gebil­dete und ver­gleichs­weise ein­kom­mens­starke Mit­tel­schicht, die gro­ßen Wert auf den Bil­dungs­er­folg und die Arbeits­markt­per­spek­ti­ven der Kin­der legt, ist daher mit stei­gen­der Ungleich­heit sowohl das Arbeits­le­ben als auch die Frei­zeit (wel­che die mit Kin­dern ver­brachte Zeit ein­schließt) in vie­ler Hin­sicht stres­si­ger gewor­den. Eltern mit weni­ger hohen Bil­dungs­ab­schlüs­sen hin­ge­gen nei­gen deut­lich weni­ger zu „Heli­ko­pter-Erzie­hung“. Auch hier liegt die Erklä­rung nahe, dass Eltern mit gerin­gen Bil­dungs­ab­schlüs­sen auf­grund der gro­ßen Sta­tus­un­ter­schiede eher resi­gnie­ren und daher häu­fi­ger gar nicht erst ver­su­chen, ins „Rat­ten­ren­nen“ um die beste Bil­dung einzusteigen.

Was tun gegen den „Mangel trotz Überfluss“?

Der gesell­schaft­li­che Zusam­men­halt ist in der gan­zen west­li­chen Welt der­zeit auf eine schwere Probe gestellt. Das über­ge­ord­nete Pro­blem schei­nen Sta­tus­sor­gen im Zusam­men­hang mit der gestie­ge­nen öko­no­mi­schen Ungleich­heit zu sein, die sich bis weit in die obere Mit­tel­schicht hin­ein aus­ge­brei­tet haben.

Zugleich scheint es in wei­ten Tei­len der Gesell­schaft ein gro­ßes Bedürf­nis nach mehr Frei­zeit und dem Aus­stieg aus dem Hams­ter­rad zu geben. Die Corona-Pan­de­mie hat ins­be­son­dere vie­len Eltern vor Augen geführt, dass sie kaum zeit­li­che Spiel­räume haben, um mit uner­war­te­ter zusätz­li­cher Belas­tung umzu­ge­hen. In der jun­gen Genera­tion ist zuneh­mend die Ansicht ver­brei­tet, dass die Per­spek­tive immer wei­te­rer Pro­duk­ti­ons- und Ein­kom­mens­zu­wächse nicht nur nicht sinn­stif­tend, son­dern auch öko­lo­gisch frag­wür­dig ist (Stich­wort „Fri­days for Future“).

ifso working paper zum Bei­trag

In der Working-Paper-Reihe des ifso wer­den vor­läu­fige For­schungs­er­geb­nisse zur Dis­kus­sion gestellt, die aus der For­schung am und um das ifso hervorgehen.

ifso working paper zum Bei­trag (PDF)
 
Alle ifso working papers

For­de­run­gen nach einer zusätz­li­chen Aus­wei­tung des gesamt­wirt­schaft­li­chen Arbeits­an­ge­bots sind aus unse­rer Sicht daher wenig ziel­füh­rend. Viel­ver­spre­chen­der wäre die gezielte För­de­rung einer glei­che­ren Ver­tei­lung von Arbeits­zeit. So ist aus unse­rer Sicht die Abschaf­fung des Ehe­gat­ten­split­tings, wel­ches die Erwerbs­be­tei­li­gung von Frauen gegen­über der von Män­nern dis­kri­mi­niert, zwar mehr als über­fäl­lig. Sie sollte aber ergänzt wer­den mit dem Über­gang zur kur­zen Voll­zeit für Män­ner und Frauen, wie sie etwa die Sozio­lo­gin Jutta All­men­din­ger for­dert. Eine gleich­mä­ßi­gere Ver­tei­lung der Erwerbs­ar­beit zwi­schen den Geschlech­tern oder zwi­schen arm und reich würde auch zu einer gerin­ge­ren Ein­kom­mensun­gleich­heit bei­tra­gen, wie Daniele Chec­chi, Ceci­lia Gar­cía-Peña­losa und Lara Vivian zei­gen. Die glei­chere Ver­tei­lung der Erwerbs­ar­beit durch eine kür­zere Voll­zeit wäre eine Mög­lich­keit, mate­ri­el­len Man­gel und Sta­tus­sor­gen wirk­sam zu bekämp­fen, zeit­li­chen Wohl­stand zu erhö­hen und den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt zu stärken.

Doch eine Ver­kür­zung der Arbeits­zeit dürfte für viele Men­schen so lange unat­trak­tiv oder uner­reich­bar blei­ben, wie hohe Ungleich­heit, lücken­hafte Flä­chen­ta­rif­ver­träge und unzu­rei­chende öffent­li­che Daseins­vor­sorge ein Gefühl von „Man­gel trotz Über­fluss“ beför­dern. Ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men, mit dem viele lieb­äu­geln, ver­heißt hier als rein mone­täre Sozi­al­leis­tung unse­res Erach­tens kei­nen Aus­weg. Viel­ver­spre­chen­der wäre ein Aus­bau der „bedin­gungs­lo­sen Daseins­vor­sorge“ in Berei­chen zen­tra­ler posi­tio­na­ler Güter (v. a. Woh­nen, Mobi­li­tät, Bil­dung), kom­bi­niert mit Arbeits­markt­re­for­men (z.B. Vier-Tage-Woche, regel­mä­ßige Sab­bat­jahre, Job-Garan­tie, geför­derte Frei­räume für Dienst am Gemeinwohl).

An Eng­lish ver­sion of this arti­cle was sub­se­quently publis­hed on the web­site of the Insti­tute for New Eco­no­mic Think.

Eine gekürzte Ver­sion die­ses Bei­trags ist auf ökonomenstimme.org erschienen.

Kurz zusammengefasst

Seit dem Beginn des „neo­li­be­ra­len Zeit­al­ters“ in den 1980er Jah­ren haben sich zwei Trends in ihr Gegen­teil ver­kehrt: Die Höhe des Ein­kom­mens, das Fami­lien aus sub­jek­ti­ver Sicht für ein zufrie­den­stel­len­des Leben zu benö­ti­gen glau­ben, hat abso­lut und rela­tiv zum Durch­schnitts­ein­kom­men wie­der zuge­nom­men. Gleich­zei­tig ist auch die durch­schnitt­li­che Arbeits­zeit wie­der ange­stie­gen oder zumin­dest nicht wei­ter gefal­len. Diese Beob­ach­tun­gen las­sen sich beson­ders für die USA machen. Aber warum ist es zu die­ser Trend­um­kehr gekom­men? Als mög­li­che Gründe dafür iden­ti­fi­ziert eine neue Stu­die die Zunahme der öko­no­mi­schen Ungleich­heit: Auf­wärts­ge­rich­tete Sta­tus­ver­glei­che (also das Sich-Ver­glei­chen von Haus­hal­ten mit jeweils rei­che­ren Haus­hal­ten) haben dazu geführt, dass Mit­tel­schicht­fa­mi­lien Frei­zeit geop­fert haben, um Aus­ga­ben für Sta­tus­gü­ter wie Woh­nen, Bil­dung, Mobi­li­tät täti­gen zu kön­nen. Ein Aus­bau der „bedin­gungs­lo­sen Daseins­vor­sorge“ in Berei­chen zen­tra­ler posi­tio­na­ler Güter (v. a. Woh­nen, Mobi­li­tät, Bil­dung), kom­bi­niert mit Arbeits­markt­re­for­men (z.B. Vier-Tage-Woche) könnte eine Trend­um­kehr bewir­ken. Kür­zere Arbeits­zei­ten wür­den dann einen wich­ti­gen Bei­trag zur Über­win­dung aktu­el­ler Her­aus­for­de­run­gen leis­ten, unter ande­rem im Bereich Klimaschutz.