Über die aktu­el­len tra­gi­schen Ereig­nisse in der Ukraine, die lange Frist von polit-öko­no­mi­schen Ent­schei­dun­gen und die Pflicht von Aka­de­mi­kern und Aka­de­mi­ke­rin­nen, aus his­to­ri­schen Ereig­nis­sen zu lernen.

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Diese Tage sind für mich etwas schmerz­haft, da ich immer noch Schwie­rig­kei­ten habe, zu ver­dauen, dass es einen sehr erns­ten mili­tä­ri­schen Kon­flikt zwi­schen Russ­land und der Ukraine gibt – zwei Län­der, die sich eigent­lich sprach­lich, kul­tu­rell und wirt­schaft­lich sehr nahe ste­hen. Als ich noch zur Schule ging, habe ich Rus­sisch als zweite Fremd­spra­che gewählt und bin in alle Län­der gereist, die jetzt in die­sen Kon­flikt ver­wi­ckelt sind – die Ukraine, Russ­land und auch Weiß­russ­land. Sicher­lich erzähle ich meine Geschichte aus einer pri­vi­le­gier­ten euro­päi­schen Posi­tion her­aus – wir haben in den letz­ten Jahr­zehn­ten nur wenige Kriege erlebt, und bewaff­nete Kon­flikte wer­den meist als etwas Ent­fern­tes wahr­ge­nom­men, das sich irgendwo anders auf der Welt abspielt. Trotz­dem hatte ich die­ser Tage Trä­nen in den Augen, als ich las, dass eine große Rakete in Bila Tse­rkva ein­ge­schla­gen ist, einer Stadt, die ich zwei­mal im Rah­men eines Schü­ler­aus­tauschs zwi­schen Öster­reich und der Ukraine besucht habe. Ich erin­nere mich noch daran, wie außer­or­dent­lich freund­lich wir dort behan­delt wur­den, wie schnell wir uns mit den Kin­dern vor Ort ange­freun­det haben und wie reich die Geschichte die­ser Stadt ist.

Hete­ro­dox Eco­no­mics Newsletter

Der Hete­ro­dox Eco­no­mics News­let­ter wird her­aus­ge­ge­ben von Jakob Kapel­ler und erscheint im drei­wö­chent­li­chen Rhyth­mus mit Neu­ig­kei­ten aus der wis­sen­schaft­li­chen Com­mu­nity mul­ti­pa­ra­dig­ma­ti­scher öko­no­mi­scher Ansätze. Der News­let­ter rich­tet sich an einen Kreis von mehr als 7.000 Empfänger*innen und zählt schon weit mehr als 250 Ausgaben.

Bila Tse­rkva ist eine Stadt, die seit mehr als tau­send Jah­ren exis­tiert, eine große cul­tu­ral capa­city und eine sehr viel­fäl­tige Bevöl­ke­rung hat. In den 1940er Jah­ren wurde sie fast voll­stän­dig zer­stört und ihre große jüdi­sche Gemeinde von den Trup­pen Nazi-Deutsch­lands mas­sa­kriert, bevor sie von der Roten Armee befreit und von der Sowjet­union wie­der auf­ge­baut wurde. Ich gebe zu, dass ich kaum glau­ben kann, dass die Enkel der Men­schen, die diese Stadt befreit und wie­der auf­ge­baut haben, jetzt Rake­ten auf sie abschie­ßen. Und ich bin fest davon über­zeugt, dass viele die­ser Enkel, die jetzt in der rus­si­schen Armee die­nen, auch nicht ver­ste­hen, warum dies gesche­hen muss. Dies ist zu einem gro­ßen Teil Putins per­sön­li­cher Krieg und nicht der des „durch­schnitt­li­chen“ rus­si­schen Bür­gers oder Soldaten.

Las­sen Sie mich klar­stel­len, dass ich hier sicher­lich nicht naiv bin: Ich sehe, dass die USA Russ­land in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten im Grunde in die Enge getrie­ben haben und nie wirk­lich bereit waren, die Vor­stel­lung von Russ­land als so etwas wie einem ewi­gen Ant­ago­nis­ten auf­zu­ge­ben. Ich bin mir auch bewusst, dass die Hin­wen­dung der Ukraine zum Wes­ten nicht nur wegen ihrer geo­gra­fi­schen Lage, son­dern auch wegen der stra­te­gisch ent­schei­den­den und his­to­risch belas­te­ten Rolle von Sewas­to­pol ein mili­tä­ri­scher Wen­de­punkt ist. Und ich erkenne sicher­lich an, dass Russ­land und sein Volk jahr­zehn­te­lang in den west­li­chen Medien und der west­li­chen Kul­tur unfair und abwer­tend dar­ge­stellt wur­den. Doch auch wenn all dies sicher­lich zu Kon­flik­ten und Feind­se­lig­kei­ten führt, kann dies nie­mals einen groß ange­leg­ten Angriff auf ein Nach­bar­land rechtfertigen.

Den­noch haben die USA und ihre euro­päi­schen Part­ner in der Ver­gan­gen­heit viele Feh­ler gemacht, und Russ­land durch die suk­zes­sive Erwei­te­rung der NATO in die Enge zu trei­ben, war sicher­lich einer davon. Mei­ner Mei­nung nach wur­den jedoch vor drei­ßig Jah­ren wich­ti­gere Feh­ler began­gen, als die Rus­sen tat­säch­lich den Wes­ten um Hilfe bei der Umwand­lung ihrer kom­mu­nis­ti­schen Struk­tu­ren in eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft mit einem markt­wirt­schaft­li­chen Sys­tem baten. Damals gin­gen unsere Wirt­schafts­ex­per­ten von der Annahme aus, dass freie Märkte auto­ma­tisch eine freie Gesell­schaft her­vor­brin­gen, wäh­rend es in Wirk­lich­keit umge­kehrt ist: In einer „offe­nen Gesell­schaft“ ist es mög­lich, die Markt­kräfte durch demo­kra­ti­sche Mecha­nis­men zu zäh­men und damit inte­gra­tive For­men des Fort­schritts zu schaf­fen, wäh­rend Märkte und das Pro­fit­mo­tiv als sol­ches nicht an demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen gebun­den sind und auch unter einer eher auto­ri­tä­ren poli­ti­schen Füh­rung auf­stre­ben können.

Die naïve Über­zeu­gung, dass wirt­schaft­li­che Frei­heit als Grund­lage aller ande­ren Frei­hei­ten ver­stan­den wer­den muss, war damals sehr stark – und unter­grub die meis­ten Bemü­hun­gen, in Russ­land starke demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen als Grund­lage für wei­tere fried­li­che For­men der inter­na­tio­na­len Inte­gra­tion zu schaf­fen. Wenn Sie sich über diese The­men infor­mie­ren wol­len, um die aktu­el­len Ereig­nisse bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen, kann ich Ihnen Katha­rina Pistor’s kurze Dar­stel­lung des The­mas emp­feh­len, in der einige offen­sicht­li­che Feh­ler der Ver­gan­gen­heit klar her­aus­ge­stellt werden.

Wie schon oft gesagt wurde: Wirt­schaft­li­che Ideen kön­nen mäch­tig sein, beson­ders auf lange Sicht, und Russ­lands ver­passte Chance, stär­kere demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen zu schaf­fen, ist ein beson­ders tra­gi­sches Bei­spiel dafür. Als Akademiker*innen kön­nen wir in Zei­ten von Schie­ße­reien nicht viel aus­rich­ten, aber mei­ner beschei­de­nen Mei­nung nach ist es unsere Auf­gabe und Pflicht, uns genau an die kri­ti­schen his­to­ri­schen Momente zu erin­nern, die uns in die­sen Schla­mas­sel geführt haben. Viel­leicht kön­nen wir es beim nächs­ten Mal alle bes­ser machen.

Mit Hoff­nung,

Jakob
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PS: Sicher­lich haben viele von Ihnen die bit­tere Iro­nie bemerkt, dass das super-genüg­same, spar­freu­dige und schul­den­brem­sen­be­geis­terte Deutsch­land gerade ver­spro­chen hat, 100 Mil­li­ar­den Euro für die Ver­bes­se­rung der mili­tä­ri­schen Kapa­zi­tä­ten aus­zu­ge­ben. Es scheint also, dass die Deut­schen doch Schul­den machen kön­nen, aber die spe­zi­fi­schen Gründe, die sie dazu ver­an­lasst haben, machen mich ange­sichts schmerz­haf­ter his­to­ri­scher Ana­lo­gien zum Ers­ten Welt­krieg sprachlos …

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