Privatstädte versprechen maximale Freiheit. Doch ohne Carearbeit und gesellschaftliche Fürsorge bleibt dieses Zukunftsmodell unvollständig und letztlich nicht tragfähig.
ie Frage nach der zukünftigen Organisation des Zusammenlebens wird immer dringlicher, doch die Antworten divergieren weiter auseinander. Die im libertären Lager propagierte Privatstadt blendet dabei die lebensnotwendige Organisation von Care vollkommen aus und wird dem eigenen Versprechen von maximierter Freiheit nicht gerecht. Im Folgenden wird die Notwendigkeit von Care aufgezeigt und als unüberbrückbare Leerstelle in der Privatstadt festgestellt.
Der Autor

Jason Michalek
Jason Michalek studiert im BA Politikwissenschaft mit Vertiefung Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen.
Die Idee der Privatstadt
Auf der Welt befinden sich einige Sonderwirtschaftszonen. Während diese immer noch an einen Staat angegliedert sind, soll in der erträumten Privatstadt völlige Autonomie herrschen oder gar die Ozeane über schwimmende Städte, sogenannte „Seasteads“, bevölkert werden (https://www.seasteading.org/). Die Vordenker und Finanzierer, die sich als anarcho-Kapitalisten verstehen, sind überwiegend Männer. Peter Thiel oder der deutsche Milliardär Titus Gebel investieren astronomische Summen in selbst gegründet Institute und Pilotprojekte.
Antrieb für diese Projekte bietet grundlegende Skepsis gegenüber dem demokratischen Staat, die einerseits wirtschaftlich libertär begründet wird (bspw. Steuern = Raub) und andererseits ideologisch fundiert den aktuellen Staat ablehnt. Dabei wird der Staat lediglich als ein Unternehmen verstanden, welches die Vereinbarungen zwischen den Individuen und der Gesellschaft und die daraus resultierenden Benutzungsrechte regelt. Aktuell sind Staat völlig fatal geführt, weil die Politiker*innen diesen Umstand verkennen und ineffizient arbeiten, was zu einem illegitimen Verhältnis von Kontrolle und Besitz einerseits, und zu einer kritiklosen Haltung gegenüber der Demokratie andererseits führt (Moldbug 2007: o.S.).
Die Idee, dass entsprechend CEOs als gute Führungspersonen auch die besseren Staatsmänner sind, findet dabei weiten Anklang. Beispielsweise propagiert Curtis Yarvin, der als Stichwortgeber für den Vizepräsident JD Vance gilt, unter dem Pseudonym Mencius Modlbug immer wieder über Privatstädte, die er unter anderem als „Neokolonialismus“ anpreist (Slobodian 2023: 184–203). Auch Elon Musks „DOGE“ steht in dieser Argumentationslinie und greift direkt die Formulierung von Yarvin alias Moldbug auf, wenn er sagt: “government is…the ultimate corporation“ (Moldbug 2007: o.S.; Scipioni 2020: o.S.).
Die libertäre Zukunftsvision ignoriert jedoch das Fundament jeder Gesellschaft: Care-Arbeit. In diesem Artikel wird anhand eines Carebegriffs nach Himmelweit sowie Folbre nachgezeichnet, inwiefern die Privatstadt zum Scheitern verurteilt ist.
Was bedeutet Care?
Care kommt in unser aller Leben vor, unabhängig der Gesellschafts- oder Wirtschaftsform. Für die Betrachtung der Care-Aspekte in den Privatstädten bedarf es aber zunächst einer Definition von Care. Das Verständnis von Care in diesem Beitrag bezieht sich auf die Ausführungen von Himmelweit (2007).
„Here ‘care’ will be taken to mean the provision of personal services to meet those basic physical and mental needs that allow a person to function at a socially determined acceptable level of capability, comfort and safety.“ (Himmelweit 2007: 581)
Im Care Begriff ist sowohl der Aspekt der Arbeit als auch der des menschlichen Miteinanders angelegt. Daher kommt Care und vor allem Care-Arbeit in allen Wirtschaftssektoren vor und umfasst sowohl bezahlte als auch unbezahlte Arbeit.
Wesentlich ist dabei, dass care-Arbeit nicht mit den klassischen Annahmen über Arbeit erfasst werden kann. Es ist einerseits Arbeit, die nicht eingesetzt wird, um ein Produkt herzustellen und einen Mehrwert zu erwirtschaften, sondern selbst den „effektiven Output“ darstellt (Himmelweit 2007: 584–585). Andererseits bedarf es bei der Care-Arbeit zudem immer eines „carer“ und einer Person, die Care empfängt und so auch immer eine Beziehung im menschlichen Miteinander ausdrückt (Himmelweit 2007: 584).

Unbezahlte Care-Arbeit kann in direct und indirect, sowie in active und supervisory Care unterteilt werden. Diese Unterteilung geht zurück auf Nancy Folbre und ermöglicht ein genaueres Verständnis von Care-Arbeit, anhand dessen nachvollzogen werden kann, wie Aspekte outgesourcet werden und Care-Arbeit in einer Gleichzeitigkeit mit weiterer Lohn- oder Carearbeit stattfindet, beispielsweise Homeoffice und Kinderbetreuung (2018: 6–8). Direct care bezeichnet dabei konkrete pflegende Tätigkeiten (active), die i.d.R. pflegende und gepflegte Person in Gänze beansprucht werden. Hingegen umfasst indirect care Arbeit, die im Deutschen auch als Reproduktionsarbeit bezeichnet wird und nicht direkt an einer Person ausgeübt wird und im Gegensatz zu direct care auch unter Bedingungen ökonomische Effizienzsteigerung gestellt werden kann. Das bedeutet Leistungssteigerung durch beispielsweise Investition in Infrastruktur oder eingekaufte Tätigkeiten, wie Essensbestellungen. Supervisory care, also beaufsichtigende Tätigkeiten, kann zeitgleich zu anderer (care) Arbeit stattfinden und ist daher besonders von Unsichtbarkeitsmachung betroffen. Vermeintlich gilt beispielsweise Homeoffice als Möglichkeit Kinderbetreuung und Lohnarbeit zu vereinbaren.
Dies schafft eine Sichtbarmachung der „care crisis“: Care-Arbeit stellt überwiegend eine zusätzliche Arbeit für Frauen da, diese für weniger Lohn überproportional mehr arbeiten (Müller, Huning, Böcker 2025: 4–5). Die Krise entsteht durch die Notwendigkeit diese Arbeit zu verrichten, um das alltägliche Leben abzusichern. Durch die gesellschaftliche Unsichtbarmachung wird die Arbeit als selbstverständlich eingefordert und gleichzeitig noch abgewertet, da die Anerkennung als Arbeit auch Entlohnung bedeuten würde.
Bereits die jetzige Gesellschaft ist nur aufgrund des ausbeuterischem Ungleichgewicht funktional. Die Care Frage ist notwendige Grundprämisse für jede Gesellschaft und muss Ausgangspunkte für jedwede Überlegung zukünftiges gesellschaftlichen Zusammenlebens sein.
Wie funktioniert die Privatstadt?
Konkret kann bei dem privaten Betreiber gegen eine jährliche Gebühr die Bürgerschaft für das konkrete Projekt erworben werden, die auch ein gewisses Maß an öffentlichen Gütern, finanziert durch die jährliche Gebühr, bereitstellen (Gebel 2016: 68–69). Der Staat wird zum Dienstleister, der vor allem Freiheit und Sicherheit zur Verfügung stellt – Werte, die so gleichzeitig kommodifiziert werden.
Spannend ist zudem, dass durchaus nicht gleiches Recht für alle angestrebt wird. Stattdessen sollen alle ihre eigenen Rechte und Vereinbarungen aushandeln, sodass sozusagen viele einzelne individuelle Rechtskörper entstehen, wobei auch Bürgerschaften in mehreren Projekten oder e-citizenship (z.B.:https://intercom.help/prospera-c3520d800849/en/articles/8258594-overview-of-e-residency) möglich sind (Slobodian 2023: 89).
Die Privatstadt als Traum von rechts
In den libertären Ideen klingt vor allem aber rechte Ideologie an.
So sehen die selbsternannten „Neoreaktionäre“ des Dark Enlightenments, wie Yarvin, in Privatstädten die Befreiung von der parasitären Demokratie und Möglichkeit des Bruchs mit der hegemonialen Wokeness, wie auch von Kofman dargestellt wird (2025: o.S.).
Dies gilt aber auch für die deutsche Szene. Titus Gebel, Vorsitzender der Free Cities Foundation (https://free-cities.org/) ist auch Autor der rechten Zeitschrift „Achse des Guten“ und publiziert in der rechts-libertären Zeitschrift „eigentümlich frei“.
Dementsprechend findet sich Demokratiefeindlichkeit einfach: So heißt es bei Gebel explizit: „echte Freiheit [… ist] auf dem demokratischen Wege nicht zu erreichen“ (Gebel 2016: 68). Auch schreibt er über „spezialisierte“ Privatstädte, die recht eindeutig Ethnopluralismus bedeuten (Gebel 2016: 69). Für ihn führt der Staat als Unternehmen auch zu einer Überwindung von Politik, da „die Regierung nur eine Verwaltung ist und jeder maximale Handlungsfreiheit geniesst [sic]“ (Gebel 2014: 38).
Care in der Privatstadt
Im Prinzip entspricht die Organisation von Care der Logik der Rechtskörperschaft: Alle sind selbstverantwortlich. Grundsätzlich bleiben Care-Aspekte nicht ungenannt, ein wirkliches Organisationskonzept findet sich jedoch nirgends.
Viel eher klingen die Passagen über care-bedürftige Menschen herabwürdigend und betonen, dass niemand zu karitativen Tätigkeiten gezwungen werden kann. „Es gibt kein Recht, auf Kosten Dritter zu leben“ und dass die Privatstädte ein pflegebedürftiges „Klientel“ nicht explizit anziehen werden (Gebel 2023: o.S.).
Die Verantwortung von Care wird in die Freiwilligkeit und explizit in die Familie verschoben. Gemäß des rechts-ideologischen Weltbilds liegt die Lösung in einem klassischen patriarchalen Familienverständnis bei Versorgung durch die Familie, respektive Frau.
Das Projekt Prosperá verweist zentral auf private Versicherungen, die z.T. auch für die Arbeiter*innen verpflichtend sind. Eine Regelung zur Beteiligung der Arbeitgeber an der Versicherungssumme oder gar eine Versicherung, analog zur gesetzlichen Krankenversicherung, gibt es jedoch nicht. Die Idee eines bedingungslosen Anrechts aller auf gesundheitliche Versorgung liegt fern, viel eher ist diese abhängig von den individuellen finanziellen Ressourcen.
Insgesamt wird Care vor allem als „direct Care“ verstanden. Aspekte der indirect care und supervisory care sind im weitesten Sinne privatisierte Unternehmensangebote, lassen sich aber nicht wirklich auffinden.
Entsprechend gibt es in den konkreten Projekten, wie etwa Prosperá, Kindergärten und Klinik. Dabei liegt der Fokus nicht auf einem funktionalen Gesundheitssystem, sondern auf der geringen juristischen Regulation, die entsprechend mit seltenen, neuen medizinischen Techniken und Eingriffen wirbt, wie „Unlimited Bio“ die für alle möglichen Unannehmlichkeiten wie Haarausfall Gentherapie anbieten (https://www.prospera.co/en/solutions/health).
Im realen Projekt kommt also eindeutig Care vor, jedoch als Möglichkeit der Profitmaximierung, während der wesentliche Aspekt Care als Ausdruck von menschlichen Beziehungen unbeachtet bleibt.
Die entsprechende Arbeit wird auch nicht innerhalb des Projektes organisiert, sondern von außerhalb eingekauft und von Menschen verrichtet, die sich die Bürgerschaft nicht selbst leisten können.
Slobodian beschreibt das Resultat als ein „hire and deport“ Politik (Slobodian 2023: 63). Die Privatstadt kann nur innerhalb anderer Gesellschaftsformen existieren, die die outgesourcten Bedürfnisse organisieren. Das Versprechen der maximierten Freiheit bleibt in einer unüberwindbare Abhängigkeit
Die gegeben Antworten auf die komplexen Fragen der gesellschaftlichen Organisation sind vor allem populistisch und einfach, sodass sie zwar gewisse Care Aspekte anklingen lassen, jedoch auf keinem ausgearbeiteten Fundament beruhen.
Care in der Zukunftsstadt?
Die Idee in der Privatstadt, die maximale Freiheit zu erreichen, bleibt ein Traum, der, wenn überhaupt wiedereinmal nur für einige wenige gelten kann.
Während so versucht wird, alle möglichen direkten Restriktionen oder Gesetze abzuschaffen, um eine Handlungsfreiheit herzustellen (Freiheit zu), fehlt es an Bestrebungen, die gesellschaftlichen und patriarchalen Strukturen herauszufordern (Freiheit von). So wird ein wesentlicher Aspekt von Freiheit ausgeblendet und dementsprechend gesellschaftliche Zwänge und Unterdrückungsmechanismen reproduziert, unter der Maßgabe, die absolute Freiheit zu erreichen, wenngleich nur Steuern umgangen werden.
Das Konzept der Privatstädte kann selbst eine sehr weitgefasste Definition von Care nach Himmelweit (als zwischenmenschliche Beziehung) überhaupt nicht fassen. Care kann nicht ausgeblendet werden sondern ist notwendiger Bestandteil menschlichen Miteinanders. Die Privatstadt versucht care outzusourcen und ist somit zur Abhängigkeit als Insel in anderen Gesellschaftsformen verurteilt und ist bei weitem keine allumfassende Zukunftsvision.
Wie auch immer die Vorstellung der Zukunft ausgestaltet sein mag, wenn ein lebensnotwendiger Aspekte wie Care ausgeblendet wird, ist alles weitere zum Scheitern verurteilt.
Folbre, Nancy (2021): Developing Care: The Care Economy and Economic Development. In: Women’s Economic Empowerment. 1. Aufl. Routledge, 102–125.
Gebel, Titus (2014):Welchen Staat würden Sie kaufen? Schweizer Monatshefte, SMH Verlag AG.
Gebel, Titus (2016): Die Privatstadt. In: Schweizer Monat: die Autorenzeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur, SMH Verlag AG, 96 (1035), 66.
Gebel, Titus (2023):** Willkommen – Titus Gebel. Text abrufbar unter: https://titusgebel.de/ (Zugriff am 18.1.2026).
Himmelweit, Susan (2007):** The Prospects for Caring: Economic Theory and Policy Analysis. In: Cambridge journal of economics, Oxford: University Press, 31 (4), 581–599.
Kofman, Ava (2025):** Der neue Reaktionär – Curtis Yarvin und die Versuchung der smarten Tyrannei. Deutschlandfunk. Text abrufbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/curtis-yarvin-demokratie-jd-vance-peter-thiel-trump-usa-100.html (Zugriff am 4.3.2026).
Moldbug, Mencius (2007a):** A formalist manifesto | Unqualified Reservations by Mencius Moldbug. Unqualified Reservations. Text abrufbar unter: https://www.unqualified-reservations.org/2007/04/formalist-manifesto-originally-posted/ (Zugriff am 6.3.2026).
Moldbug, Mencius (2007b):** The case against democracy: ten red pills | Unqualified Reservations by Mencius Moldbug. Unqualified Reservations. Text abrufbar unter: https://www.unqualified-reservations.org/2007/04/case-against-democracy-ten-red-pills/ (Zugriff am 6.3.2026).
Müller, Hannah/Huning, Sandra/Böcker, Nina (2025):** Caring Cities: Towards a Public Urban Culture of Care? In: Urban Planning, 10, 10016.
Scipioni, Jade (2020):** Elon Musk: Government Is the „Ultimate Corporation“. CNBC. Text abrufbar unter: https://www.cnbc.com/2020/12/10/elon-musk-government-is-the-ultimate-corporation.html (Zugriff am 6.3.2026).
Slobodian, Quinn (2023):** Crack-up Capitalism: Market Radicals and the Dream of a World without Democracy. First edition. New York: Metropolitan Books.
Kurz zusammengefasst
Der Beitrag untersucht das Konzept der libertären Privatstadt und zeigt, dass es eine zentrale Voraussetzung gesellschaftlichen Zusammenlebens ausblendet: Carearbeit. Während Freiheit und Eigenverantwortung im Mittelpunkt stehen, werden Sorgearbeit und zwischenmenschliche Abhängigkeiten privatisiert oder ausgelagert. Der Artikel argumentiert, dass jede tragfähige Zukunftsvision Care als unverzichtbaren Bestandteil gesellschaftlicher Organisation berücksichtigen muss.

Sozioökonomie in Studium und Praxis
Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung „Careökonomie“ bei Dr. Franziska Dorn im Vertiefungsangebot Sozioökonomie im Studiengang BA Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen.