Wie umge­hen mit Macht, Netz­wer­ken und Will­kür bei wis­sen­schaft­li­chen Jour­nals? Tipps für ein gesun­des Gleich­ge­wicht im Sinne der aka­de­mi­schen Kar­riere – und des eige­nen Verstands

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Es war ein­mal, da reich­ten ein Kol­lege und ich ein Paper bei einer Main­stream-Zeit­schrift ein. Das Paper wurde sofort abge­lehnt. Das Paper stand der Stan­dard­theo­rie kri­tisch gegen­über und ent­hielt empi­ri­sche Ergeb­nisse, die unse­ren Stand­punkt unter­mau­er­ten, aber letzt­end­lich war sie in Bezug auf die ver­wen­de­ten Metho­den ziem­lich dem Stan­dard ent­spre­chend. Also beschlos­sen wir, es noch ein­mal zu ver­su­chen, und reich­ten das Paper bei einer ande­ren Main­stream-Zeit­schrift ähn­li­chen Ran­ges ein – wie­der erhiel­ten wir eine Ableh­nung. Dies geschah sogar vier­mal hin­ter­ein­an­der – manch­mal lehn­ten die Redak­teure die Arbeit ein­fach ab, in ande­ren Fäl­len schrie­ben sie eine ein­sei­tige Rezen­sion, in der es im Wesent­li­chen hieß, dass unsere Arbeit aus Grün­den, die wir nicht ganz nach­voll­zie­hen konn­ten, nie­mals ver­öf­fent­licht wer­den könne.

Hete­ro­dox Eco­no­mics Newsletter

Der Hete­ro­dox Eco­no­mics News­let­ter wird her­aus­ge­ge­ben von Jakob Kapel­ler und erscheint im drei­wö­chent­li­chen Rhyth­mus mit Neu­ig­kei­ten aus der wis­sen­schaft­li­chen Com­mu­nity mul­ti­pa­ra­dig­ma­ti­scher öko­no­mi­scher Ansätze. Der News­let­ter rich­tet sich an einen Kreis von mehr als 7.000 Empfänger*innen und zählt schon weit mehr als 250 Ausgaben.

Wir ver­such­ten es jedoch noch ein­mal und reich­ten unsere Arbeit bei einer fünf­ten Zeit­schrift ein, die wie­derum ein ähn­li­ches Anse­hen genoss wie eine mit­tel­große Main­stream-Zeit­schrift. Und nach ein paar Mona­ten geschah etwas sehr Über­ra­schen­des: Wir erhiel­ten eine E‑Mail mit einer herz­li­chen Gra­tu­la­tion von den Her­aus­ge­bern, da unsere Arbeit an vier ver­schie­dene Gut­ach­ter geschickt wor­den war – und alle diese Gut­ach­ter waren mit unse­rem Ent­wurf völ­lig ein­ver­stan­den und ver­lang­ten kei­ner­lei Ände­run­gen. Uns wurde gesagt, dass eine sol­che bedin­gungs­lose Annahme nur ein­mal alle paar Jahre und nur bei sehr außer­ge­wöhn­li­chen Arbei­ten vorkommt.

Was sagt uns diese lus­tige Geschichte über den aka­de­mi­schen Publikationsprozess?

1.

Ers­tens sagt diese Geschichte viel über die Macht der Redakteur*innen aus (siehe auch hier): Wäh­rend diese in den ers­ten vier Fäl­len nicht wirk­lich viel exter­nen Sach­ver­stand hin­zu­ge­zo­gen haben, könnte das End­ergeb­nis durch­aus von einer/m wohl­wol­len­den Redakteur*in geprägt wor­den sein, der/die Gutachter*innen aus­ge­wählt hat, die seine/ihre grund­sätz­li­che Sym­pa­thie für unser Argu­ment tei­len. Um es klar zu sagen: Ich habe kei­ner­lei Beweise dafür, dass dies tat­säch­lich der Fall war; den­noch würde ich es für eine glaub­wür­dige Hypo­these halten.

2.

Zwei­tens habe ich die Ver­mu­tung, dass eta­blierte For­schungs­ge­mein­schaf­ten und ‑netz­werke eine Rolle spie­len – viel­leicht hät­ten wir bei den ers­ten vier Zeit­schrif­ten bes­sere Chan­cen gehabt, wenn unsere vor­he­rige Sicht­bar­keit auf dem jewei­li­gen Gebiet grö­ßer gewe­sen wäre. Und in der Tat gibt es einige empi­ri­sche Ergeb­nisse (z. B. hier oder hier), die diese ein­fa­che Intui­tion bestä­ti­gen, dass die Nähe zu bestimm­ten Netz­wer­ken und Insti­tu­tio­nen tat­säch­lich einen Ein­fluss auf die Publi­ka­ti­ons­er­geb­nisse hat.

3.

Drit­tens ent­steht ein Teil der Will­kür, mit der wir in die­sen Pro­zes­sen kon­fron­tiert sind, ganz natür­lich, wenn der Platz in den Zeit­schrif­ten sehr knapp wird: Wenn die Ableh­nungs­quo­ten hoch sind, aber die durch­schnitt­li­che Qua­li­tät der Ein­rei­chun­gen akzep­ta­bel ist, wird es sehr schwie­rig, „objek­tive“ Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, auch wenn sich alle Betei­lig­ten sehr darum bemü­hen (wir haben dies vor eini­gen Jah­ren in einem ABM gezeigt, siehe hier).

Letzt­end­lich kön­nen wir nie sicher sein, wel­che Fak­to­ren sich genau als ent­schei­dend erwei­sen. Obwohl wir in unse­rem Bei­trag unsere hete­ro­doxe Aus­rich­tung nicht offen­ge­legt haben (was sich in der Regel nach­tei­lig auf die Publi­ka­ti­ons­aus­sich­ten in Main­stream-Medien aus­wirkt ;-), könnte unsere kri­ti­sche empi­ri­sche Hal­tung gegen­über eta­blier­ten theo­re­ti­schen Säu­len unse­ren Bei­trag für einige Herausgeber*innen dis­qua­li­fi­ziert haben, da auch die poli­ti­sche Aus­rich­tung für die Publi­ka­ti­ons­aus­sich­ten eine Rolle spielt (siehe hier).

In Anbe­tracht all des­sen denke ich, dass es für junge For­scher von zen­tra­ler Bedeu­tung ist, einen guten men­ta­len Rah­men zu fin­den, um den hart umkämpf­ten Publi­ka­ti­ons­pro­zess zu über­ste­hen. Mein wich­tigs­ter Rat­schlag ist, das rich­tige Gleich­ge­wicht zu fin­den: Seid ehr­gei­zig, was Eure Ziel­zeit­schrif­ten angeht, aber lasst Euch nicht durch eine har­sche Ableh­nung unter­krie­gen. Nehmt alle Reviews, die Ihr erhal­tet, sehr ernst, aber zögert nicht, Euch zu äußern, wenn eine Review in irgend­ei­ner Weise fehl­ge­lei­tet oder unfair ist. Ver­sucht, Euch an akzep­tierte Stan­dards zu hal­ten, wenn dies für Ihre Zwe­cke nütz­lich ist, aber ertränkt Eure Krea­ti­vi­tät nicht in Kon­ven­tio­nen. Und schließ­lich: Ver­sucht, die Wett­be­werbs­kul­tur ins­ge­samt zu akzep­tie­ren (sie lässt sich kurz­fris­tig nicht ändern), aber ver­sucht, die Feind­se­lig­keit, die einem sol­chen wett­be­werbs­in­ten­si­ven Umfeld inne­wohnt, durch die Schaf­fung koope­ra­ti­ver Frei­räume in Eurem eige­nen Arbeits­um­feld aus­zu­glei­chen. Wenn Ihr die­ses Gleich­ge­wicht fin­det, kann das Eurer Kar­riere zugute kom­men und gleich­zei­tig Euren Ver­stand in einem oft schwie­ri­gen Arbeits­um­feld bewahren.

Ich hoffe, dies hilft der einen oder dem ande­ren und wün­sche alles Gute,

Jakob
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