Der Mythos der Leistungsgesellschaft: Warum Carearbeit und unsichtbare Leistungen vor allem von Frauen das Fundament unserer Gesellschaft bilden, aber kaum Anerkennung erfahren.
er Begriff der Leistungsgesellschaft (Meritokratie) dient in seiner heutigen Form häufig als ideologischer Deckmantel für strukturelle Ungleichheit. Das Ideal, dass gesellschaftliche Positionen ausschließlich aufgrund von Talent und individuellem Einsatz vergeben werden, scheitert in der Realität an der extrem ungleichen Verteilung von sozialem, kulturellem und ökonomischem Kapital. Das System ignoriert nicht nur ungleiche Startbedingungen, sondern entwertet zugleich genau die Arbeit, die für sein eigenes Funktionieren unverzichtbar ist.
Dieser Beitrag dekonstruiert den Mythos der Meritokratie zunächst auf theoretischer Ebene anhand der Mechanismen unsichtbarer Arbeit. Anschließend wird gezeigt, dass insbesondere Frauen einen wesentlichen Teil der gesellschaftlichen Reproduktions- und Care-Arbeit tragen und damit zentrale Leistungsträgerinnen gesellschaftlicher Stabilität sind. Dennoch bleibt ihnen aufgrund der geringen Anerkennung von Care-Arbeit (unbezahlte oder schlecht bezahlte Sorgearbeit wie Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder Haushaltsorganisation) und weiblich dominierten systemrelevanten Berufen häufig ökonomische und politische Wertschätzung vorenthalten.
Die Autor:innen
Luca Dirks, Henry Hübner, Elena Masuch und Jennifer Merkel
Luca Dirks, Henry Hübner, Elena Masuch und Jennifer Merkel studieren im BA Philosophie, Politikwissenschaft und Sozioökonomie (PPE) an der Universität Duisburg-Essen.
Was bedeutet eigentlich Leistung?
Der Begriff der Meritokratie beschreibt das Ideal einer Gesellschaft, in der ausschließlich Leistung über Erfolg entscheidet. Der britische Soziologe Michael Young formulierte dies als eine Gesellschaft, die weder von Geburt noch von Reichtum bestimmt wird, sondern von Talent und Leistung. Bis heute dient dieses Ideal vielen politischen Debatten als Leitbild. Damit dieses Ideal überhaupt verwirklicht werden kann, müssen möglichst gleiche Startbedingungen geschaffen werden. Dazu zählen etwa ein gut ausgebauter Sozialstaat, gleiche Bildungschancen oder Maßnahmen gegen bestehende Diskriminierung, beispielsweise Frauenquoten in Bereichen, in denen Frauen strukturell benachteiligt werden.
Ein historisches Beispiel für den Versuch, Chancengleichheit zu erhöhen, sind etwa die sozialdemokratischen Bildungsinitiativen in den 1960er und 1970er Jahren in Deutschland. Hier stößt diese Meritokratie jedoch schnell an ihre Grenzen: Denn die Möglichkeit, Leistung zu entfalten, setzt Ressourcen voraus. Wer Zugang zu guter Bildung, kultureller Förderung oder hilfreichen Netzwerken besitzt, startet mit erheblichen Vorteilen. Ein weiteres, erfolgreicheres Beispiel ist die Einführung des BAFöG, die bis heute dafür sorgt, dass zumindest in der Theorie der finanzielle Faktor beim Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.
Hier kommen die Begriffe soziales Kapital und kulturelles Kapital ins Spiel. Soziales Kapital beschreibt die Beziehungen und Netzwerke einer Person – also Menschen, die Türen öffnen oder Unterstützung bieten können. Kulturelles Kapital umfasst dagegen Bildung, Sprachkompetenz oder Umgangsformen, die häufig bereits im Elternhaus vermittelt werden. Beide Formen von Kapital beeinflussen maßgeblich, welche Chancen Menschen im Leben erhalten.
Die Möglichkeiten und Grenzen der Meritokratie
Wenn Wohlstandsverteilung der “Talentverteilung” entspricht, dann können wohlhabende Eltern ihr Geld nutzen und sich Zugang zu Vorteilen für ihre Kinder verschaffen, den ärmere Eltern nicht haben. Dies entspräche dem Gegenteil einer Meritokratie. Gesellschaftliche Ungleichheit verläuft heute häufig weniger entlang klassischer Klassenunterschiede als entlang von Bildungsabschlüssen. Elitäre Universitäten oder exklusive Bildungswege eröffnen Zugänge zu Netzwerken und Karrieren, die anderen Menschen oftmals verschlossen bleiben. Die Bildung wird dadurch selbst zu einem Mechanismus sozialer Ungleichheit.
Der blinde Fleck der Meritokratie – Unsichtbare Arbeit
Doch selbst wenn alle Menschen dieselben Chancen hätten, bliebe ein weiteres Problem: Nicht jede Leistung wird überhaupt auch als Leistung wahrgenommen.
Die Soziologin Erin Hatton beschreibt verschiedene Mechanismen, durch die Arbeit gesellschaftlich unsichtbar gemacht wird. Einige Tätigkeiten gelten kulturell als selbstverständlich und werden deshalb kaum wertgeschätzt (beispielsweise weibliche Reproduktionsarbeit, Erziehung der Kinder etc.). Andere fallen durch rechtliche Konstruktionen aus klassischen Arbeitsverhältnissen heraus oder finden an Orten statt, die nicht als typische Arbeitsplätze wahrgenommen werden.
Besonders deutlich wird dies bei Reinigungskräften. Diese Arbeiten werden häufig nachts oder früh morgens verrichtet, oft von Frauen oder Menschen mit Migrationsgeschichte, häufig über Subunternehmen organisiert und schlecht bezahlt. Gleichzeitig erwartet jede Person morgens ein sauberes Büro oder Krankenhaus. Diese Leistung wird erst sichtbar, wenn sie fehlt.
Ähnlich verhält es sich mit der Haus- und Care-Arbeit. Kinder großzuziehen, Angehörige zu pflegen oder einen Haushalt zu organisieren, wird gesellschaftlich oft als selbstverständlich angesehen. Gerade weil diese Tätigkeiten täglich stattfinden, geraten sie aus dem Blickfeld. Dabei bilden sie die Grundlage dafür, dass Erwerbsarbeit überhaupt möglich wird.
Leistung wird gesellschaftlich häufig weniger nach ihrem tatsächlichen Nutzen bewertet, sondern vielmehr dadurch, wer sie verrichtet, wo sie stattfindet und ob sie bezahlt wird.
Frauen als Leistungsträgerinnen gesellschaftlicher Stabilität
Besonders deutlich zeigt sich diese Unsichtbarkeit bei Frauen. Heute sind Frauen aus dem Arbeitsmarkt nicht mehr wegzudenken. In zahlreichen Branchen tragen sie entscheidend dazu bei, den Fachkräftemangel abzufedern und wirtschaftliche Wertschöpfung zu ermöglichen. Einige weisen darauf hin, dass eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen das Wirtschaftswachstum erhöhen könnte.
Gleichzeitig leisten Frauen den überwiegenden Teil der unbezahlten Care-Arbeit (rund 44 % mehr als Männer; Destatis). Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit und die Organisation des Familienalltags werden zum Großteil von ihnen übernommen (ca. 9 Stunden pro Woche mehr als Männer). Das Statistische Bundesamt zeigt regelmäßig, dass Frauen hierfür deutlich mehr Zeit aufbringen als Männer. Ohne diese Arbeit würden Familien, Schulen, Krankenhäuser und große Teile des Sozialstaates kaum funktionieren.
Hinzu kommt der sogenannte “Mental Load”. Gemeint ist damit die unsichtbare Planungs- und Organisationsarbeit, die hinter dem Familienleben steht: Arzttermine vereinbaren, Geburtstage im Blick behalten, Einkaufslisten schreiben, Schulveranstaltungen organisieren oder daran denken, dass neue Kleidung benötigt wird. Diese kognitive Arbeit wird selten als Leistung anerkannt, obwohl sie erheblichen Zeit- und Energieaufwand verursacht. In vielen Familien übernehmen Frauen den Großteil dieser unsichtbaren Organisationsarbeit.
In systemrelevanten Berufen sind Frauen überdurchschnittlich vertreten. Pflegekräfte, Erzieherinnen oder Beschäftigte im Sozialwesen (Frauenanteil über 80 %) sorgen täglich dafür, dass das gesellschaftliche Zusammenleben funktioniert. Gerade die Corona-Pandemie hat eindrucksvoll gezeigt, wie unverzichtbar diese Tätigkeiten für die Gesellschaft sind. Dennoch gehören viele dieser Berufe weiterhin zu den schlechter bezahlten Bereichen des Arbeitsmarktes.
Besonders hier zeigt sich die fehlende gesellschaftliche und insbesondere ökonomische Anerkennung: Je stärker eine Tätigkeit auf Fürsorge oder Pflege ausgerichtet ist, desto geringer fällt häufig die Anerkennung aus. Und das ausgerechnet bei jener Arbeit, die den gesellschaftlichen
Alltag überhaupt erst ermöglicht. Warum ist das so? Und was können wir tun, damit sich das endlich ändert?
Was getan werden muss
Um die Lücke zwischen tatsächlicher Leistung und gesellschaftlicher Anerkennung zu schließen, müssen die Mechanismen der Unsichtbarmachung ausgeschaltet werden. Dafür ist zentral:
Der klassische Arbeitnehmerbegriff muss auf Beschäftigte im informellen Sektor (z. B. im Reinigungssektor) und informelle Sektor-Arbeiter ausgeweitet werden, um arbeitsrechtliche Schutzräume, Mitbestimmung und Mindeststandards verbindlich zu erzwingen.
Die finanzielle Diskrepanz muss durch allgemeinverbindliche Tarifverträge und deutliche Lohnanhebungen in der Pflege, Erziehung und Sozialer Arbeit geschlossen werden. Der ökonomische Wert dieser weiblich dominierten Sektoren muss an ihren faktischen volkswirtschaftlichen Nutzen gekoppelt werden.
Care-Arbeit sollte stärker sozialstaatlich abgesichert und rentenrechtlich berücksichtigt werden.
Soziokulturelle Erwartungshaltungen lassen sich am effektivsten durch strukturelle Zwänge ändern, wie etwa eine weitreichende Reform der Elternzeit (z. B. verpflichtende, gleich aufgeteilte Monate ohne Übertragbarkeit auf den anderen Partner), um den Mental Load und Lohnausfälle durch Teilzeit anzugleichen.
Staatliche Subventionierung und formelle Anerkennung haushaltsnaher Dienstleistungen müssen ausgebaut werden, um diese aus der Schwarzarbeit und der Unsichtbarkeit des häuslichen Raums in den regulären Wirtschaftskreislauf zu überführen.
Um das sogenannte “Thomas-Prinzip” (bedeutet: Führungskräfte wählen bei der Besetzung von Vorstandspositionen bevorzugt Personen aus, die ihnen selbst stark ähneln, was zu einer starken Homogenität in Chefetagen bzgl. Geschlecht, Ausbildung, sozialer Herkunft und Denkweise führt, vgl. AllBright Stiftung) zu beenden, reichen freiwillige Selbstverpflichtungen nicht aus. Verbindliche Quoten für Führungspositionen sowieabsolute Lohntransparenz sind notwendig, um die Bevorzugung männlicher Netzwerke zu unterbinden.
Vor allem aber braucht es ein gesellschaftliches Umdenken. Solange nur die klassische
Erwerbsarbeit als echte Leistung gilt, bleiben große Teile gesellschaftlich notwendiger Arbeit
weiterhin unsichtbar.
Was sollte Leistung für uns bedeuten?
Die Meritokratie scheitert nicht an mangelnder Leistung ihrer Mitglieder, sondern an ihrer engen, verzerrten Definition davon, was überhaupt als Leistung angesehen wird. Solange formale Erwerbsarbeit an der Spitze wirtschaftlich unverhältnismäßig hoch belohnt wird, während die fundamentale Reproduktions- und Care-Arbeit ignoriert und verdrängt bleibt, ist die Meritokratie lediglich eine Illusion.
Eine tatsächliche Leistungsgerechtigkeit erfordert zwingend, dass wir die soziokulturellen Ausgrenzungsmechanismen nicht nur erkennen, sondern gesetzlich und ökonomisch abschaffen. Wer wirtschaftliche Leistungen feiert, aber die Reproduktions- und Care-Arbeit ignoriert, die diese Wirtschaft überhaupt erst arbeitsfähig macht, betreibt keine Bestenauslese. Ein solches System verlässt sich stattdessen auf die systematische und unsichtbare Ausbeutung derjenigen, die das Fundament der Gesellschaft aufrechterhalten.
Marcel Fratzscher: Die Gesellschaft verzichtet auf Wohlstand, Die Welt.
Erin Hatton (2017): Mechanisms of Invisibility: Rethinking the Concept of Invisible Work. Work, Employment and Society.
Richard Reeves: The Myth of Meritocracy, The Guardian (2018).
Michael Young (1958): The Rise of the Meritocracy.
AllBright Stiftung: Thomas-Kreislauf in deutschen Vorständen (2017).
Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK): Frauen.Macht.Pflege.
Statista: Geschlechteranteile in verschiedenen Berufen in Deutschland.
Statistisches Bundesamt (2024): Gender Care Gap in Deutschland.
Kurz zusammengefasst
Der Beitrag hinterfragt das Ideal der Meritokratie und zeigt, dass Erfolg nicht allein von Leistung, sondern auch von ungleichen Startbedingungen abhängt. Gleichzeitig wird deutlich, dass gesellschaftlich unverzichtbare Carearbeit und Sorgearbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, systematisch unterbewertet werden. Abschließend werden Reformvorschläge vorgestellt, um Leistung gerechter anzuerkennen und strukturelle Ungleichheiten abzubauen.

Sozioökonomie in Studium und Praxis
Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung „Klima, Krise, Ungleichheit“ bei Dr. Jan David Weber im BA-Studiengang Philosophie, Politikwissenschaft und Sozioökonomie (PPE) der Universität Duisburg-Essen.