Von Autos zu Kano­nen: Warum klas­si­sche öko­no­mi­sche Modelle den indus­tri­el­len Wan­del durch Auf­rüs­tung ver­ken­nen und wes­halb Pro­duk­ti­vi­tät nicht mit Wohl­fahrt gleich­zu­set­zen ist.

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on Zeit zu Zeit lässt sich weni­ger aus aka­de­mi­schen Arti­keln ler­nen als aus Medi­en­ar­ti­keln. Vor­de­fi­nierte mathe­ma­ti­sche Modelle sind dann wenig hilf­reich, wenn es darum geht dyna­mi­sche real­wirt­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen zu ver­ste­hen oder gar vor­her­zu­be­stim­men. Das ist poli­tisch beson­ders bri­sant, wenn dies kri­ti­sche Sek­to­ren betrifft: bei­spiels­weise die Rüs­tungs­in­dus­trie. So berich­tet ein Arti­kel des Wall Street Jour­nal von einem rapi­den Wan­del in der Pro­duk­ti­ons­struk­tur der deut­schen Indus­trie: „from cars to cannons“.

Im Gegen­satz zu geläu­fi­gen öko­no­mi­schen Model­len demons­triert der Arti­kel einen erstaun­li­chen pro­duk­ti­ven Wan­del in der deut­schen Wirt­schaft im Zuge gestie­ge­ner Mili­tär­aus­ga­ben. Die wirt­schafts­po­li­ti­schen Ver­säum­nisse der öko­no­mi­schen Debatte wer­den noch wei­ter ver­schärft durch die Igno­ranz bezüg­lich kon­kre­ter Wohl­fahrts­ef­fekte. Dies betrifft nicht nur die sta­ti­schen makro­öko­no­mi­schen Modelle, son­dern auch makro­öko­no­mi­sche Über­le­gun­gen. Dar­aus resul­tie­ren sowohl eine Unter­schät­zung der Effek­ti­vi­tät von Indus­trie­po­li­tik als auch eine Über­schät­zung der Wohl­fahrt für Konsument*innen. Eine andere ana­ly­ti­sche Her­an­ge­hens­weise, näm­lich eine poli­ti­sche Öko­no­mie der Pro­duk­ti­ons­struk­tur, bie­tet dabei nicht nur voll­stän­di­gere Erklä­run­gen, son­dern eröff­net brei­tere ana­ly­ti­sche Mög­lich­kei­ten, um über wirt­schaft­li­che Trans­for­ma­tion nachzudenken.

Der Autor

Thabo Hunt­ge­burth pro­mo­viert in Ent­wick­lungs­öko­no­mie an der SOAS Uni­ver­sity of Lon­don. Er forscht zur poli­ti­schen Öko­no­mie des Kapi­ta­lis­mus, zur Orga­ni­sa­tion von Arbeits­ver­hält­nis­sen und zu alter­na­ti­ven Wirt­schafts­for­men mit Fokus auf femi­nis­ti­sche und deko­lo­niale Ansätze.

Schätzungen zum Fiskalmultiplikator deutscher Militärausgaben

Im Zusam­men­hang mit stei­gen­den Rüs­tungs­aus­ga­ben fällt gerne das Schlag­wort Kriegs­keyne­sia­nis­mus. Dies deu­tet auf die Annahme hin, dass stei­gende Staats­aus­ga­ben für den Rüs­tungs­sek­tor lang­fris­tig pro­duk­ti­vi­täts­stei­gernde Effekte auf die wirt­schaft­li­che Struk­tur eines Lan­des haben. Diese Hypo­these unter­sucht die Publi­ka­tion „Wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen von Mili­tär­aus­ga­ben in Deutsch­land“ aus dem Jahr 2025 von Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk.

Die Publi­ka­tion nimmt unter ande­rem eine Schät­zung für den Fis­kal­mul­ti­pli­ka­tor deut­scher Rüs­tungs­aus­ga­ben vor. Die Autoren kon­zen­trie­ren sich auf einen Kanal für den Zusam­men­hang von Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung und Rüs­tungs­aus­ga­ben: tech­no­lo­gi­sche Inno­va­tion. Die Annahme ist, dass Staats­aus­ga­ben für das Mili­tär auch in For­schung und Ent­wick­lung flie­ßen und somit durch neue Tech­no­lo­gie posi­tive spill-over Effekte auf die Pro­duk­ti­vi­tät hat.

Für ihre Schät­zung zie­hen die Autoren den Fis­kal­mul­ti­pli­ka­tor US-ame­ri­ka­ni­scher Mili­tär­aus­ga­ben heran. Wäh­rend die­ser – laut einer Reihe empi­ri­sche Publi­ka­tio­nen – bei 1 liegt, legen die Autoren den Fis­kal­mul­ti­pli­ka­tor für Deutsch­land tie­fer an. Das begrün­den sie unter ande­rem damit, dass die deut­sche Rüs­tungs­in­dus­trie an ihrem Kapa­zi­täts­ma­xi­mum ope­riere – das heißt, stei­gende Nach­frage würde ledig­lich zu stei­gen­den Prei­sen füh­ren. Jedoch geben die Autoren zu, dass mit­tel- und lang­fris­tig hohe Rüs­tungs­aus­ga­ben in Deutsch­land den Fis­kal­mul­ti­pli­ka­tor und damit Pro­duk­ti­vi­tät und Pro­duk­ti­ons­po­ten­zial der Wirt­schaft stei­gern würden.

Größere Effektivität von Staatsinterventionen als gedacht

Wäh­rend die Annahme tech­no­lo­gi­scher Effekte schlüs­sig ist, unter­schät­zen die Autoren die kurz­fris­tige Effek­ti­vi­tät von Staats­in­ter­ven­tio­nen in einer dyna­mi­schen Wirt­schaft. Denn das theo­re­ti­sche Modell für den Fis­kal­mul­ti­pli­ka­tor ist zu eng, da es essen­zi­elle Fak­to­ren aus der poli­ti­schen Öko­no­mie außen vor lässt: die pro­duk­tive Dyna­mik der Pri­vat­wirt­schaft, die effek­tive Koor­di­nie­rung des Staa­tes, und die Ver­schrän­kung mit der Finanz­wirt­schaft. Das demons­triert bereits der oben genannte Arti­kel des Wall Street Journal.

Ers­tens ist der Fokus der Publi­ka­tion auf den Rüs­tungs­sek­tor zu eng. Wäh­rend es gut mög­lich ist, dass die­ser an der Kapa­zi­täts­grenze ope­riert, gibt es jedoch noch die Pro­duk­ti­ons­struk­tur des zivi­len Indus­trie­sek­tors. Wenn letz­te­rer nicht an der Kapa­zi­täts­grenze ope­riert, dann kön­nen stei­gende Staats­aus­ga­ben den Anreiz set­zen von zivi­ler auf mili­tä­ri­sche Pro­duk­tion umzu­stel­len. Tat­säch­lich ist genau das, was das Wall Street Jour­nal fin­det: inlän­di­sche Zulie­fe­rer in den Wert­schöp­fungs­ket­ten der schwä­cheln­den deut­schen Indus­trie stel­len ihre Lie­fe­run­gen von Auto- auf Waf­fen­her­stel­ler um. Es benö­tigt also nicht erst Preis­si­gnale in der mitt­le­ren Frist, um die Indus­trie­pro­duk­tion zu erhöhen.

Zwei­tens igno­riert die Publi­ka­tion die Rolle des Staa­tes in der effek­ti­ven Koor­di­nie­rung der Wirt­schaft. Öko­no­mi­sche Modelle beschrän­ken sich typi­scher­weise auf quan­ti­fi­zier­bare Staats­funk­tio­nen, wie die Umver­tei­lung wirt­schaft­li­cher Res­sour­cen durch Besteue­rung und Staats­aus­ga­ben. Tat­säch­lich hat der Staat noch zusätz­li­che Kapa­zi­tä­ten für Indus­trie­po­li­tik, wel­che die Pro­duk­ti­ons­struk­tur expli­zit ver­än­dert (anstatt ledig­lich impli­zit durch tech­no­lo­gi­sche spill-over Effekte). So berich­tet das Wall Street Jour­nal, dass das deut­sche Wirt­schafts­mi­nis­te­rium eine Platt­form schafft, um zivile Zulie­fe­rer in die Pro­duk­ti­ons­ket­ten der Rüs­tungs­in­dus­trie zu inte­grie­ren. Damit kön­nen Staats­in­ter­ven­tio­nen in die Pri­vat­wirt­schaft die Pro­duk­ti­vi­täts­ef­fekte öffent­li­cher Aus­ga­ben bereits in der kur­zen Frist realisieren.

Drit­tens erhöht die Inte­gra­tion der Finanz­wirt­schaft das Aus­maß und die Geschwin­dig­keit des Wan­dels in der Pro­duk­ti­ons­struk­tur – ins­be­son­dere durch simul­tane pri­vate und öffent­li­che Initia­tive. Der Finanz­sek­tor wird typi­scher­weise als par­al­lel zur rest­li­chen Wirt­schaft und dem Staat betrach­tet. In der Bestim­mung des Fis­kal­mul­ti­pli­ka­tors wer­den Finanz­markt­kenn­zah­len ledig­lich als Indi­ka­to­ren für Pro­fi­ter­war­tun­gen in der Real­wirt­schaft her­an­ge­zo­gen. Dies unter­schätzt die reale Ver­flech­tung des Finanz­sek­tors mit der Pro­duk­ti­ons­struk­tur: stei­gende Akti­en­preise bedeu­ten güns­ti­gere Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten und somit zügi­gere und grö­ßere Inves­ti­tio­nen. Dies ist ein direk­ter Effekt staat­li­cher Inter­ven­tion – wie im Falle der ange­kün­dig­ten Stei­ge­run­gen der Rüs­tungs­aus­ga­ben bis 2029 – wel­che die öffent­li­che Nach­frage und somit pri­va­ten Umsatz garan­tiert. Die Bun­des­re­gie­rung betreibt also „de-ris­king“ für den Finanz­sek­tor, um Inves­ti­tio­nen in die Rüs­tungs­in­dus­trie anzu­trei­ben. So heißt es – immer noch im glei­chen Wall Street Jour­nal Arti­kel: „[n]early 90% of Euro­pean ven­ture capi­tal inves­ted in defense tech­no­logy is flowing into Ger­man companies”.

Negative Wohlfahrtseffekte von steigenden Militärausgaben

Dies soll jedoch kei­nes­falls ein Plä­doyer für stei­gende Rüs­tungs­aus­ga­ben sein. Solch ein Ein­druck ent­steht häu­fig durch die impli­zite Annahme, dass stei­gende Pro­duk­ti­vi­tät an sich wün­schens­wert sei. Dabei wird die andere Seite der wirt­schafts­po­li­ti­schen Medaille igno­riert: die Wohl­fahrts­ef­fekte. Hier­für kann tat­säch­lich mikro­öko­no­mi­sche Theo­rie hilf­reich sein, näm­lich in der Betrach­tung von Kon­sum und Trade-Offs.

Ers­tens ist eine Dif­fe­ren­zie­rung in der Zusam­men­set­zung der Nach­frage not­wen­dig. In einer makro­öko­no­mi­schen Ana­lyse erscheint gesamt­wirt­schaft­li­che Nach­frage und Pro­duk­tion im Aggre­gat. Das lässt jedoch offen, ob gestie­gene Nach­frage, bzw. Pro­duk­tion, tat­säch­lich in der Form von Kon­sum­gü­tern der Bevöl­ke­rung zugu­te­kommt. Im Falle stei­gen­der Staats­nach­frage für mehr Rüs­tungs­gü­ter lässt sich kein Argu­ment für gesamt­wirt­schaft­li­che Wohl­fahrt machen. Zum einen ver­schie­ben stei­gende Mili­tär­aus­ga­ben die Res­sour­cen von pri­va­ten Haus­hal­ten zum Mili­tär, was Res­sour­cen für pri­vate Wohl­fahrt ent­zieht: Kano­nen für den Staat, statt But­ter für die Men­schen. Und im Kon­text von Rüs­tungs­gü­tern bedeu­tet, zum ande­ren, deren „Kon­sum“ etwas kate­go­risch ande­res: Tod und nicht Wohlfahrt.

Zwei­tens sollte eine wirt­schafts­po­li­ti­sche Bewer­tung von Staats­aus­ga­ben sich nicht auf einen ein­zi­gen Sek­tor beschrän­ken. Denn der mar­gi­nale Effekt – sei es für Arbeits­plätze, Löhne, oder Pro­duk­ti­vi­tät – von öffent­li­chen Inves­ti­tio­nen könn­ten ein Viel­fa­ches in ande­ren Sek­to­ren sein. Das bedeu­tet nicht not­wen­di­ger­weise ein sta­ti­sches Null­sum­men­spiel, son­dern nur, dass wirt­schafts­po­li­ti­sche Effekte holis­tisch betrach­tet wer­den sollten.

In der Dis­kus­sion des Fis­kal­mul­ti­pli­ka­tors erwäh­nen die Autoren bereits an man­chen Stel­len mög­li­che mar­gi­nale Unter­schiede zwi­schen mili­tä­ri­scher und zivi­ler Res­sour­cen­ver­wen­dung. Diese Punkte ver­die­nen in der Aus­wer­tung eine noch pro­mi­nen­tere Rolle. Bezüg­lich der Ana­lyse wirt­schafts­po­li­ti­scher Maß­nah­men soll­ten holis­ti­sche Abwä­gun­gen mar­gi­na­ler Wohl­fahrts­ef­fekte zen­tral sein, damit gesell­schaft­li­che Res­sour­cen mög­lichst effek­tiv der Gesell­schaft zugu­te­kom­men. Ein Bei­spiel hier­für ist eine Stu­die der ame­ri­ka­ni­schen Brown Uni­ver­sity, wel­che die Effekte von Staats­aus­ga­ben auf Arbeits­plätze ver­gleicht. Selbst die USA könn­ten um ein Viel­fa­ches mehr Arbeit schaf­fen durch eine Ver­la­ge­rung von Staats­aus­ga­ben vom Mili­tär in den Bil­dungs- oder Gesundheitssektor.

Alternative Wirtschaftspolitik ist vorstellbar

Eine Kri­tik am Kriegs­keyne­sia­nis­mus muss des­halb kei­nes­wegs die Effek­ti­vi­tät von stei­gen­den Staats­aus­ga­ben anzwei­feln. Gleich­zei­tig dür­fen wir uns nicht den Illu­sio­nen hin­ge­ben, dass explo­die­rende Rüs­tungs­aus­ga­ben gute Wirt­schafts­po­li­tik sei. Eine polit-öko­no­mi­sche Ana­lyse der Pro­duk­ti­ons­struk­tur ist in der Lage sowohl die Dyna­mik einer kapi­ta­lis­ti­schen Indus­trie als auch deren Ver­flech­tung mit staat­li­chen Insti­tu­tio­nen abzubilden.

Dies erlaubt es uns ana­ly­tisch und wirt­schafts­po­li­tisch ambi­tio­nier­tere Trans­for­ma­tio­nen der deut­schen Indus­trie mit aggres­si­ve­ren Mit­teln für Staats­in­ter­ven­tio­nen anzu­stre­ben. Dabei ist es nicht nur ein mora­li­sches Argu­ment, son­dern ledig­lich eine holis­ti­sche wirt­schafts­po­li­ti­sche Abwä­gung: wir soll­ten Inves­ti­tio­nen in die Kriegs­in­dus­trie ableh­nen und eine öko­lo­gi­sche, ver­sor­gungs-basierte Trans­for­ma­tion zu einer Frie­dens­wirt­schaft anstreben.

Kurz zusammengefasst

Der Autor argu­men­tiert, dass stei­gende Mili­tär­aus­ga­ben einen schnel­len indus­tri­el­len Struk­tur­wan­del aus­lö­sen, den klas­si­sche öko­no­mi­sche Modelle unter­schät­zen. Staat­li­che Koor­di­na­tion, Finanz­märkte und Pro­duk­ti­ons­um­stel­lun­gen erhö­hen kurz­fris­tig die Effek­ti­vi­tät von Indus­trie­po­li­tik. Gleich­zei­tig füh­ren Rüs­tungs­aus­ga­ben zu nega­ti­ven Wohl­fahrts­ef­fek­ten, da Res­sour­cen von zivi­lem Kon­sum und gesell­schaft­lich pro­duk­ti­ve­ren Sek­to­ren abge­zo­gen wer­den. Eine polit­öko­no­mi­sche Ana­lyse der Pro­duk­ti­ons­struk­tur ermög­li­che daher rea­lis­ti­schere Bewer­tun­gen und alter­na­tive, zivile Transformationspfade.