Der Homo oeconomicus gilt als universelles Modell. Feministische Wissenschaftstheorie zeigt jedoch, wie androzentrische Annahmen ökonomisches Denken und wissenschaftliche Objektivität prägen
ationalität, stabile und exogene Präferenzen, Nutzenmaximierung – auf diesen drei Säulen ruht das ökonomische Menschenbild, mit dem Generationen von Wirtschaftswissenschaftler*innen sozialisiert wurden. Der Homo oeconomicus gilt als geschlechtsneutrales, universell gültiges Modell menschlichen Entscheidungsverhaltens (Maier, 1993). Doch hält dieser Anspruch einer kritischen Prüfung stand? Ein Blick durch die Brille feministischer Wissenschaftstheorie legt nahe: eher nicht.
Warum Neutralität und Universalität kritisch hinterfragt werden müssen
Feministische Erkenntnistheorie geht von einer einfachen Prämisse aus: Wissen entsteht nie im luftleeren Raum, sondern immer aus einer bestimmten sozialen Position heraus (Haraway, 1988). Sandra Harding (1991) unterscheidet zwischen einer schwachen Objektivität, die sich allein auf formale Konsistenz und empirische Prüfbarkeit stützt, und einer starken Objektivität, die verlangt, die eigene gesellschaftliche Position und die Perspektive marginalisierter Gruppen aktiv mitzudenken. Donna Haraway (1988) ergänzt diese Perspektive mit ihrer Kritik am „God Trick“ (S. 582), der Illusion, Erkenntnis entstehe aus einem körperlosen, allwissenden Blick von nirgendwo. Beide Autorinnen zeigen: Wo Neutralität und Universalität behauptet werden, kann sich eine partikulare, oft männlich geprägte Perspektive unbemerkt als Norm des Allgemeinen durchsetzen. Genau dieses Phänomen bezeichnet der Begriff des Androzentrismus, nicht als individuelle Voreingenommenheit einzelner Forschender, sondern als strukturelles Problem der Wissensproduktion selbst (Meyer et al., 2025).
Die Autorin

Lisa Strugholz
Lisa Strugholz studiert im MA Sozioökonomie an der Univeristät Duisburg-Essen und ist Mitglied im Vorstand des Netzwerk Plurale Ökonomik.
Drei Annahmen, ein Muster
Überträgt man diese Kritik auf das ökonomische Subjektmodell, zeigt sich bei allen drei konstitutiven Annahmen des Homo oeconomicus ein wiederkehrendes Muster.
Rationalität wird in der Neoklassik als konsistentes, zielgerichtetes Entscheiden unter Knappheit definiert – losgelöst von sozialen Bindungen und emotionalen Motiven. Bereits seit der Antike ist Rationalität kulturell mit Männlichkeit und Herrschaft verknüpft, während Emotionalität und Fürsorge als weiblich konnotiert und abgewertet gelten (Klinger, 2019; Maier, 1993). Wie folgenreich der Fokus auf Rationalität sein kann, zeigt die Humankapitaltheorie: Sie erklärt den Gender Pay Gap und die berufliche Segregation der Geschlechter als Resultat rationaler Investitionsentscheidungen. Frauen würden mit Blick auf künftige Erwerbsunterbrechungen ‚rational‘ weniger in ihre Ausbildung investieren (Becker, 1985). Empirische Studien widerlegen diese Erklärung jedoch: Einerseits bleibt selbst bei statistischer Kontrolle von Bildung und Beschäftigungsumfang ein unerklärter Lohnunterschied bestehen (Lillemeier, 2019), andererseits werden frauendominierte Berufe nachweislich strukturell abgewertet, unabhängig von Qualifikation (England et al., 2000). Was als individuelle rationale Wahl erscheint, ist in Wahrheit durch Diskriminierung, Normen und institutionelle Zwänge vorstrukturiert.
Auch die Annahme stabiler, exogener Präferenzen – die Vorstellung, individuelle Vorlieben seien gegeben und immun gegenüber sozialen Einflüssen – erweist sich als problematisch. Sie setzt ein isoliertes, autonomes Subjekt voraus, das ohne Kindheit, ohne Sozialisation und ohne Abhängigkeiten in die ökonomische Sphäre eintritt (Nelson, 1996). Dies missachtet, dass Präferenzen in sozialen Kontexten entstehen und wesentlich durch überwiegend von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit, welche unsichtbar bleibt, mitgeprägt werden (England, 2018). Kinder internalisieren früh geschlechtsspezifische Rollenbilder, und Erwachsene passen ihre Ambitionen an strukturelle Barrieren an, etwa wenn Frauen in männlich dominierten Berufen auf Diskriminierung stoßen und ihre Ziele entsprechend ‚nach unten korrigieren‘ (England, 2018). So entsteht ein Kreislauf: Ungleichheit prägt Rollen, Rollen prägen Präferenzen, Präferenzen scheinen wiederum bestehende Ungleichheit zu rechtfertigen. Wer diese Dynamik ignoriert, naturalisiert historisch gewachsene Verhältnisse als freie Wahl.
Die dritte Säule, die Nutzenmaximierung, offenbart eine weitere aufschlussreiche Dichotomie: Während der Markt als männlich dominierter Ort der eigennutzorientierten Nutzenmaximierung gilt, wird der dem Weiblichen zugeordnete Haushalt als Sphäre des Altruismus modelliert (Folbre & Hartmann, 1989). Der freie Marktakteur Homo oeoconomicus wird somit systematisch durch das Gegenbild der „selfless woman“ (Folbre & Hartmann, 1989, S. 185) ergänzt: Männer erscheinen als selbstinteressierte Marktakteure, Frauen als uneigennützige Versorgerinnen im Haushalt. Weiterhin kritisiert England (2018), dass Altruismus innerhalb der Familie überschätzt wird. Exemplarisch nutzt Gary Becker (1981) in seiner Haushaltstheorie ein altruistisches Familienoberhaupt, dass die Nutzenfunktionen aller Familienmitglieder integriert und die Ressourcen zum Wohle aller verteilt. England (2018) bezeichnet dieses Bild als Konstruktion eines wohlwollenden Diktators: Patriarchale Machtasymmetrien und Interessenkonflikte innerhalb der Familie werden unsichtbar und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung erscheint als effiziente Spezialisierung statt als Ausdruck ungleicher Verhandlungsmacht.
Instrumentalismus als Rechtfertigung?
Natürlich müssen Modelle abstrahieren, jedoch hat der Verweis auf den instrumentellen Charakter des Homo oeconomicus – er müsse nicht realistisch, sondern nur prognosefähig sein – kaum Berechtigung. Denn auch Abstraktion ist nicht voraussetzungslos: Die Entscheidung, was als modellrelevant gilt und was ausgeblendet wird, ist selbst ein normativer Akt. Wenn Autonomie, Eigennutz und Rationalität auf dem Markt zum Kern erhoben werden, während Fürsorge, Abhängigkeit und unbezahlte Reproduktionsarbeit systematisch verborgen bleiben, dann prägt diese Selektion das Feld möglicher Erkenntnis. Die Prognosefähigkeit des Modells ist somit nicht universell, sondern perspektivisch begrenzt.
Der androzentrische Bias setzt sich im positivistischen Anspruch der Neoklassik auf Werturteilsfreiheit fort. Feministische Ökonominnen kritisieren insbesondere die starke Privilegierung mathematisch-deduktiver Modelle als alleinige Methode zur Erlangung wissenschaftlicher Objektivität. Nelson (1992) zeigt, dass die Ökonomik Eigenschaften wie ‚hart‘, ‚logisch‘ und ‚präzise‘ als Qualitätskriterien etabliert hat. Diese Zuschreibungen sind historisch und kulturell mit Männlichkeit konnotiert, während kontextuelle, narrative oder qualitative Erkenntnisformen häufig feminisiert und als weniger wissenschaftlich abgewertet werden (Nelson, 1996). Damit wird nicht nur ein bestimmtes Methodenideal privilegiert, sondern zugleich eine Hierarchisierung von Erkenntnisweisen produziert. Zugleich bleibt die ökonomische Lehre selbst wenig divers: sowohl inhaltlich, was Geschlechterfragen betrifft (Beblo, 2020), als auch personell. Der Frauenanteil unter Fakultätsmitgliedern an den weltweit führenden Wirtschaftsfakultäten lag zwischen 2021 und 2023 im Schnitt bei 22 Prozent (Schuetz et al., 2024).
Fazit: Pluralität statt Perspektivlosigkeit
Der Homo oeconomicus ist, so das zentrale Ergebnis, kein geschlechtsneutrales Abbild menschlichen Handelns, sondern ein historisch gewachsenes Modell, das männlich codierte Handlungslogiken zur impliziten Norm erhebt. Der androzentrische Bias zeigt sich dabei nicht in expliziten Aussagen über Geschlecht, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der bestimmte Erfahrungen als ‚ökonomisch‘ gelten und andere nicht abgebildet werden. Die Konsequenz ist keine Absage an die Modellbildung als solche, sondern ein Plädoyer für mehr epistemische Reflexivität: Objektivität entsteht nicht durch die Illusion der Perspektivlosigkeit, sondern durch eine bewusste Pluralisierung der Standpunkte, aus denen heraus Wissenschaft betrieben wird.
Beblo, M. (2020). Gender in VWL-Lehrbüchern. In C. Fridrich, R. Hedtke & W. Ötsch (Hrsg.), Sozioökonomische Bildung und Wissenschaft. Grenzen überschreiten, Pluralismus wagen – Perspektiven sozioökonomischer Hochschullehre (S. 183–193). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–29642-1_10
Becker, G. S. (1981). A treatise on the family. Harvard University Press.
Becker, G. S. (1985). Human Capital, Effort, and the Sexual Division of Labor. Journal of Labor Economics, 3(1), 33–58. https://doi.org/10.1086/298075
England, P. (2018). Separative and Soluble Selves: Dichotomous Thinking in Economics. In M. Fineman & T. Dougherty (Hrsg.), Feminism Confronts Homo Economicus: Gender, Law, and Society (1st ed., S. 32–56). Cornell University Press.
England, P., Hermsen, J. M. & Cotter, D. A. (2000). The Devaluation of Women’s Work: A Comment on Tam. American Journal of Sociology, 105(6), 1741–1751. https://doi.org/10.1086/210471
Folbre, N. & Hartmann, H. (1989). The rhetoric of self-interest: Ideology of gender in economic theory. In A. Klamer (Hrsg.), The consequences of economic rhetoric (Reprinted., S. 184–204). Cambridge Univ. Press. https://doi.org/10.1017/CBO9780511759284.014
Haraway, D. (1988). Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. Feminist Studies, 14(3), 575. https://doi.org/10.2307/3178066
Harding, S. (1991). Whose Science? Whose Knowledge? Thinking from Women’s Lives. Cornell University Press. https://doi.org/10.7591/9781501712951
Klinger, C. (2019). Dualismenbildung: dem Denken vorfindlich, unausweichlich und falsch. In B. Kortendiek, B. Riegraf & K. Sabisch (Hrsg.), Handbuch interdisziplinäre Geschlechterforschung (S. 165–175). Springer.
Lillemeier, S. (2019). Gender Pay Gap: von der gesellschaftlichen und finanziellen Abwertung von „Frauenberufen“. In B. Kortendiek, B. Riegraf & K. Sabisch (Hrsg.), Handbuch interdisziplinäre Geschlechterforschung (S. 1013–1021). Springer.
Maier, F. (1993). Homo Oeconomicus. PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 23(4), 551–571. https://doi.org/10.32387/prokla.v23i93.1017
Meyer, L., Thienenkamp, M., Gruver, N. & Trächtler, J. (2025). Glossar. In J. Trächtler (Hrsg.), Feministische Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie: Eine Einführung (S. 237–257). J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978–3‑662–71119-4_23#DOI
Nelson, J. A. (1992). Gender, Metaphor, and the Definition of Economics. Economics and Philosophy, 8(1), 103–125. https://doi.org/10.1017/S026626710000050X
Nelson, J. A. (1996). Feminism, objectivity and economics. Economics as social theory. Routledge.
Schuetz, J., Sondergeld, V. & Weilage, I. (2024). The Women in Economics Index – Monitoring Women Economists’ Representation in Leadership Positions. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung. https://www.diw.de/de/diw_01.c.898656.de/publikationen/diskussionspapiere/2024_2076/the_women_in_economics_index_-_monitoring_women_economists__representation_in_leadership_positions.html
Kurz zusammengefasst
Der Beitrag hinterfragt den Anspruch des Homo oeconomicus auf Neutralität und Universalität aus feministischer Perspektive. Im Mittelpunkt stehen die drei Grundannahmen Rationalität, stabile Präferenzen und Nutzenmaximierung, die männlich geprägte Normen reproduzieren, während Fürsorge, soziale Einbettung und Machtverhältnisse ausgeblendet werden. Anhand theoretischer und empirischer Beispiele wird gezeigt, dass ökonomische Modelle nicht wertfrei sind, sondern gesellschaftliche Perspektiven widerspiegeln. Das Fazit plädiert für mehr epistemische Reflexivität und eine pluralere Wirtschaftswissenschaft.

Sozioökonomie in Studium und Praxis
Dieser Beitrag fasst die Ergebnisse der Abschlussarbeit von Lisa Strugholz im BA Wirtschaft-Politik/Sozialwissenschaften (Lehramt) zusammen.
Lisa Strugholz
Androzentrismus in der Ökonomie: Eine feministische Analyse des Homo oeconomicus
Die BA-Arbeit von Lisa Strugholz mit dem Titel „Androzentrismus in der Ökonomie: Eine feministische Analyse des Homo oeconomicus“ zum Download (PDF).
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