Das Angebot an offenen Bildungsmaterialien (OER) am IFSO wächst stetig: Neu dazu gekommen ist ein Kurs zu „Network Theory and Input-Output Modeling“, den Dr. Jan Weber und Caspar Löffler-Patterson entwickelt haben. Über diesen Kurs geben sie in einem kleinen Interview Auskunft.
Julian Becker (JB): Hallo ihr zwei, schön, dass ihr heute mit mir über Euer neuestes Projekt im Bereich Lernmaterialien sprechen wollt! Worum geht es dabei genau?
Jan Weber (JW): Wir haben einen Kurs zu „Network Theory and Input-Output Modeling“ entwickelt, der ein OER-Projekt ist.
JB: Das klingt spannend … Lass uns das doch mal genauer anschauen. Um was geht es da inhaltlich?
JW: Erstmal geht es nur um Netzwerke, die allgemein immer aus Punkten und Beziehungen zwischen diesen Punkten bestehen. Ein soziales Geflecht kann man beispielsweise als Netzwerk betrachten: Es besteht aus Personen und Beziehungen. Die Netzwerktheorie erlaubt uns dann, die Struktur eines Netzwerks und die Rolle von einzelnen Punkten zu untersuchen. Manche Leute kennen z. B. viele andere, manche kennen nicht so viele. Manche Personen verbinden Gruppen, die sonst voneinander isoliert wären, andere Personen stehen eher am Rand.
Network Theory and Input-Output Modeling
Der Kurs „Network Theory and Input-Output Modeling“ gibt eine englischsprachige Einführung in Netzwerktheorie, Netzwerkanalyse und Input-Output-Modelle. Er ist aus einem Seminar entstanden, das Dr. Jan Weber im Wintersemester 2024 am IFSO gehalten hat. Die Umsetzung als OER-Kurs wurde durch die Förderung der Universitätsbibliothek der Uni Duisburg-Essen ermöglicht.
Beziehungen sind aber auch nicht unbedingt immer beidseitig: Sehr viele Menschen kennen Taylor Swift, aber Taylor kennt nur die wenigsten ihrer Fans. Von dieser Netzwerkstruktur kann man dann bestimmte Eigenschaften ableiten. Beispielsweise hängt von der Netzwerkstruktur ab, wie Informationen von A nach B fließen. Bei Liefernetzwerken hängt von der Netzwerkstruktur ab, wie aus natürlichen Ressourcen durch die Arbeit in verschiedenen Betrieben schließlich Endprodukte werden. Ein Vorteil der Netzwerkperspektive ist, dass sie uns erlaubt, in Beziehungen zu denken, also darauf zu achten, wer mit wem verbunden ist – Menschen, Firmen, Länder, Webseiten oder auch Ideen. Der Grundgedanke ist: Viele wichtige Eigenschaften entstehen nicht aus den Einzelteilen selbst, sondern aus dem Muster ihrer Verbindungen. Wer zentral ist, wer abhängig ist, wer Einfluss hat oder wie sich Schocks ausbreiten – das versteht man oft erst, wenn man das Netzwerk betrachtet. Netzwerktheorie hilft uns also zu erklären, warum das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile!
JB:
JW: Bei Input-Output-Modellen geht es darum, zu verstehen, wer von wem was kauft, um produzieren zu können. Jede Branche nutzt Vorleistungen aus anderen Branchen – zum Beispiel braucht die Autoindustrie Stahl, Glas, Energie und Dienstleistungen. Diese Modell zeigt, dass die Wirtschaft ein eng verflochtenes Produktionsnetz ist – und das stellt eben den Bezug zur Netzwerktheorie her: Wenn sich in einem Bereich etwas ändert, hat das Auswirkungen auf viele andere Bereiche. So können wir nachvollziehen, wie sich Nachfrage, Krisen oder politische Maßnahmen durch die gesamte Wirtschaft fortpflanzen!
Die Entwickler des Kurses
Jan David Weber ist Postdoctoral Researcher am Institut für Sozioökonomie (IFSO). Neben seiner Lehre zu fortgeschrittenen Methoden der Komplexitätstheorie ist er Experte für strukturelle Ungleichheit von Firmen, Regionen und Personen.

Caspar Löffler-Patterson hat Soziologie und Wirtschaftswissenschaften in Münster, Bangkok, Duisburg und New York studiert. Aktuell ist er als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen tätig und verfasst seine Masterarbeit zur Arbeitszeitverkürzung am IFSO in Kooperation mit dem European Trade Union Institute in Brüssel.
JB: OER steht für „Open Educational Resources“, sprich, das Lernmaterialien für alle und jeden frei zugänglich sind, angepasst werden dürfen – z. B. an die Bedürfnisse unterschiedlicher Lerngruppen – und dann auch angepasst weitergegeben werden dürfen. Warum habt ihr diesen Ansatz verfolgt?
JW: Wir haben uns bewusst dafür entschieden, weil wir Lehre nicht als etwas verstehen, das nur im Seminarraum stattfindet. Das Projekt ist mit öffentlichen Mitteln und in einem öffentlichen Bildungsauftrag entstanden. Dann sollte das Ergebnis auch öffentlich nutzbar sein! Außerdem wollten wir Materialien schaffen, die über ein einzelnes Semester hinaus Bestand haben. Offen zugängliche Lehrmaterialien können weiterverwendet und verbessert werden. Kurz gesagt: Wir haben OER gemacht, weil es nachhaltiger, fairer und didaktisch sinnvoller ist. Und weil gute Lehre dann mehr Wirkung entfaltet, wenn sie geteilt wird.
Caspar Löffler-Patterson (CLP): Genau! OER sind auch Teil der Openness-Bewegung, zu der auch wissenschaftliche Open-Access-Veröffentlichungen, die Wikipedia oder zahlreiche Open-Source-Software gehören. Wissen ist ja natürlicherweise gar nicht besitzbar, sondern steht grundsätzlich erstmal allen zur Verfügung. Erst durch komplizierte juristische Konstruktionen wie z. B. das internationale Patentrecht wird Wissen zu Eigentum. Das kam dem globalen Süden während der Corona-Pandemie beispielsweise teuer zu stehen, weil es dort die Produktion von Impfstoffen unterbunden hat. Aber auch im alltäglichen Wissenschaftsbetrieb halten Verlage wie Elsevier oder Taylor & Francis Monopole an Wissen, das aus öffentlichen Mitteln beispielsweise an Universitäten entsteht. Solchen oft sehr kontraproduktiven Beschränkungen von Wissen setzt die Openness-Bewegung etwas entgegen. Rechtlich gelingt das durch die Creative-Commons-Lizenzen, unter denen auch unser Kurs veröffentlicht wurde. Das bedeutet im Fall der von uns genutzten CC BY-Lizenz, dass die Kursmaterialien von allen genutzt – also gespeichert, kopiert, angepasst und verändert weitergegeben werden können, solange wir als Urheber genannt werden und die Veränderungen als solche erkennbar sind. Es gibt nur wenige, klar gekennzeichnete Ausnahmen, etwa einzelne Folien, Videoabschnitte oder einen Übungsdatensatz, bei denen die Weiterverwendung aus rechtlichen Gründen etwas komplizierter ist. Aber insgesamt ist der Kurs offen lizenziert, damit er möglichst breit genutzt und weiterentwickelt werden kann.
JB: Habt ihr selbst schon einmal auf andere OER-Projekte zurückgegriffen?
JW: Absolut! Jedesmal, wenn ich einen neuen Kurs gestalte, schaue ich online, was andere Leute bereits gemacht haben. Ich kann und muss ja das Rad nicht neu erfinden! Auch als Studi habe ich häufig OER-Materialien verwendet. Nicht jede Erklärung von meinen Dozent:innen hat für mich immer Sinn ergeben. Andere Sichtweisen und Erklärungen haben mir häufig geholfen, besser zu verstehen, was ich nicht verstanden habe und warum ich es nicht verstanden habe. Zum Glück bin ich jetzt in einer Position, anderen Studierenden und Dozent:innen dieses Angebot machen zu können.

© Jakob Heibel
JB: Caspar, ein Student, der an der Aufbereitung und Ausgestaltung einer Lehrveranstaltung beteiligt ist, ist ungewöhnlich. Wie kam Eure Zusammenarbeit zustande?
Caspar Löffler-Patterson (CLP): Ich hatte selbst mit der Input-Output-Modellierung wenig am Hut, bevor ich für meinen Master ans IFSO gekommen bin. Den Netzwerkbegriff kannte ich schon ganz gut aus meinem Soziologie-Bachelor, dort aber vor allem theoretisch und weniger empirisch. Als Jan den Kurs letztes Wintersemester am IFSO angeboten hat, habe ich mich dann aus Interesse hineingesetzt und den Stoff von Grund auf neu gelernt. Aus meiner Perspektive als Lernender konnte ich Jan dann gut dabei unterstützen, den Kurs didaktisch zu verbessern, sodass er jetzt einem sehr breiten Publikum verständlich sein sollte.
JB: Jan, wie kam es, dass Du genau diesen Kurs unterrichtet hast?
JW: Der Kurs passt sehr gut zu meinem Forschungsschwerpunkt, weil Netzwerktheorie und Input-Output-Analyse zentrale Werkzeuge sind, um strukturelle Ungleichheiten zwischen Personen, Firmen und Regionen zu verstehen. In meiner Forschung geht es darum, Ungleichheit nicht nur als individuelles Merkmal zu betrachten, sondern als Ergebnis von Beziehungsstrukturen: Wer ist wie in Produktionsnetzwerke eingebunden? Wer profitiert von zentralen Positionen? Und wie verfestigen sich solche Muster über die Zeit und räumlich? Der Kurs vermittelt genau diese Perspektive. Er zeigt Studierenden, wie sozioökomomische Ungleichheiten aus der Struktur von Netzwerken und Lieferketten entstehen – und nicht nur aus individuellen Fähigkeiten oder Entscheidungen. Insofern ist der Kurs eine direkte didaktische Übersetzung meiner Forschung in die Lehre.
Der OER-Kurs „Network Theory and Input-Output Modeling“ entstand aus einer Lehrveranstaltung im MA Sozioökonomie. Der MA Sozioökonomie ist der Masterstudiengang des Instituts für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Ökonomische Zusammenhänge werden aus einer pluralen, interdisziplinären und anwendungsorientierten Perspektive behandelt.
JB: Was erwartet die Leute, die sich die Materialien anschauen wollen?
CLP: Wir haben insgesamt 28 Videos produziert, aus denen sich vier Module ergeben. Der Kurs ist zwar im Wesentlichen auf Master-Niveau, aber trotzdem auch für Bachelor-Studierende geeignet, weil er mit linearer Algebra auf Gymnasialniveau beginnt. Fortgeschrittenere Studis können die Wiederholungsteile zur linearen Algebra aber auch überspringen und direkt mit Modul 2 zur Graphentheorie beginnen. Im dritten Modul beschäftigen wir uns dann mit der eigentlichen Netzwerkanalyse, der sogenannten Graphenanalyse. Erst im vierten Modul wird es konkret ökonomisch. Dort beschäftigen wir uns mit der Input-Output-Analyse. Jedem Modul sind Übungsaufgaben und Literaturempfehlungen zugeordnet.
JW: Das ganze Material ist auf Englisch. Wir haben lange überlegt, in welcher Sprache der Kurs mehr Sinn ergibt, aber die Zielgruppe, forschungsaffine Bachelor- oder Master-Studierende, wird mit den Themen dann ohnehin auf Englisch arbeiten müssen. Aber da auch wir keine englischen Muttersprachler sind, sind die Videos in ihrer Sprache einfach gehalten. Die Videos sind zudem sehr kurz, so dass man sich nach jedem Konzept dazu Gedanken machen kann, gegebenenfalls an anderer Stelle dazu nachlesen oder die ein oder andere Aufgabe berechnen kann.
IFSO Schule & Studium
Die meisten Materialien folgen dem Leitprinzip der Offenheit (OER) und sind kostenlos verfügbar. Inhaltlich legen wir besonderen Wert auf eine Vielfalt der Perspektiven und Sichtbarmachung wissenschaftlicher und politischer Kontroversen.JB: Und wo findet man die ganzen Materialien?
JW: Der Kurs ist in verschiedensten Formaten verfügbar. Man kann sich die Videos auf YouTube anschauen, kann aber den kompletten Kurs auch inklusive der Übungsaufgaben von DuEPublico oder GitHub herunterladen und dann offline lernen. Wenn man z. B. etwas über Netzwerke lernen will, aber gerade im deutschen ICE-Netz kein Netz hat …
JB: Das ist ja sehr beeindruckend, was ihr da geleistet habt!
JW: Bei dem Ergebnis, was man nun sieht, haben deutlich mehr Leute mitgearbeitet als Caspar und ich. Das ganze Projekt wäre nicht möglich gewesen ohne die finanzielle Unterstützung des OER-Programms der Universitätsbibliothek hier an der Uni Duisburg-Essen. Ganz besonders Frau Koch und Frau Ehlis haben da sehr viel unterstützt! Für die Videoaufnahmen hat Herr Ehlert am ZIM sich drei Tage Zeit für uns genommen, er hat da sehr viel Zeit und Arbeit in die Aufnahmen und Aufbereitung investiert. Auch die Veröffentlichung über ORCA.nrw haben wir nicht selbst gemacht, das haben Herr Diekmann und Herr Kirschke mit ihrem Team gemacht. Da war also ein ganzes Team an Leuten beteiligt, dass dieser Kurs am Ende online abrufbar ist.
Ich bin sehr dankbar dafur, dass so viele Leute ihre Zeit da investiert haben! Aber man darf auch nicht unterschätzen, wie viel Zeit und Aufwand Casper in das Projekt gesteckt hat. Er hat meine Slides überarbeitet, Fehler gefunden, Graphiken verbessert und mich regelmäßig darauf aufmerksam gemacht, wenn meine Formulierungen wieder unscharf waren. Ohne ihn wäre das Projekt am Ende nicht so gut geworden. Aber auch die Studis, die den Kurs im Wintersemester 2024/2025 belegt haben, müssen erwähnt werden: Sie haben mit ihrem Interesse und ihren Rückfragen sehr viel dazu beigetragen, dass die überarbeitete Version des Kurses viel besser geworden ist!

© Cornelius Balle
JB: Und wie geht es für Euch jetzt weiter?
CLP: Ich schreibe derzeit meine Masterarbeit am IFSO zum Thema Arbeitszeitverkürzung, in Kooperation mit dem European Trade Union Institute (ETUI). Danach promoviere ich vielleicht, wenn mir ein Thema einfällt, mit dem ich mich so lange befassen will, oder ich versuche mein Glück im Wirtschaftsjournalismus. Mal schauen.
JB: Dafür wünsche ich Dir viel Erfolg! Und bei Dir, Jan? Du bist ja noch eine Weile bei uns am Institut!
JW: Da gibt es viel im Moment! Ich arbeite derzeit verstärkt an der Schärfung meines Forschungsschwerpunktes zu struktureller Ungleichheit von Personen, Firmen und Regionen. Aber auch bei den Lehrprojekten passiert momentan einiges: Mein Kurs zu Bayesianischer Statistik geht demnächst online, wenn auch kleiner als dieses Projekt. Und im Sommer kommt dann unser Projekt, Julian: Ein interessanter Kurs dazu, wie der Transfer von Fachwissen in Unterrichtsmaterialien funktionieren kann. Vielleicht machen wir doch da auch einen Beitrag für den Blog dazu?
JB: Ja, das können wir gerne machen. Heute aber erst mal vielen Dank für Eure Zeit!



